Als sie ein Junge war

„Der Tag ist blau, so blau, dass man die Himmelsfalten aufschneiden könnte.“

Schwer zu fassen, ist der Roman „Der Tag war blau“ von Emmanuelle Pagano. Das schmale Buch der französischen Autorin gleicht einem Flickenteppich, wie es auch die menschlichen Erinnerungen sind. An einige Dinge – manchmal winzig klein – erinnert man sich in aller Deutlichkeit, in Übergröße quasi. Andere Begebenheiten, Momente verschwinden auf Nimmerwiedersehen in einer der zahlreichen grauen Gehirnwindungen.

So ist Paganos Roman: bruchstückhaft. Ich-Erzählerin Adèle lebt in einer einsamen Bergregion, dort fährt sie einen kleinen Schulbus. Liebevoll nennt sie die Schüler, die sie jeden Tag bei Sonne und Schneesturm chauffiert, ihre Kinder. Sie hängt ihr Herz an die Kinder, nimmt Anteil an ihrem Erwachsenwerden, sorgt sich mütterlich um die Kleinen. Dabei verbirgt sie ein gewaltiges Geheimnis vor den Kindern und dem Dorf, das sie für eine Fremde hält. Doch das ist Adèle nicht, sie ist dort aufgewachsen, als sie ein Junge war. In einen solchen winzigen Nebensatz verbirgt Pagano die gewaltige Dramatik ihres Romans. Adèles innerer Konflikt, der sie zerreißt, weil sie nicht wagt, ihrem Freund davon zu erzählen. Weil ihre Geschlechtsumwandlung der Grund ist, dass ihr Bruder seit zehn Jahren kein Wort mehr mit ihr gesprochen hat, sie quasi verstoßen hat. Axel hat immer gewusst und gesehen, dass sein großer Bruder anders war. Als er sich aber ganz bewusst dafür entschieden hat, mit aller operativen Konsequenz, konnte Axel das nicht ertragen.

Das nagt seit zehn Jahren an Adèle, beschäftigt sie auf ihren langen Fahrten mit dem Bus. Der Leser begleitet sie auf ihren Gedankengängen. Obwohl Pagano eine wundersam schmucklose Sprache pflegt, ist das kein leichtes Unterfangen. Zeitsprünge, Erinnerungsstücke und gegenwärtige Ereignisse vermischen sich, unterbrechen sich in Adèles Kopf. Sie offenbart, wie schwer es ist, man selbst zu sein – bis zur letzten Konsequenz. Denn sie versteckt sich vor den einstigen Nachbarn, sie lebt eine Lüge, das sagt sie immer wieder. Es lässt sie nicht los, dass sie zuhause ist, es aber niemand weiß, dass es sie niemandem sagen kann. Sie scheint ähnlich verunsichert wie die Teenager, die tagtäglich in ihrem Bus sitzen. Vielleicht liegt es daran, dass sie erst seit zehn Jahren eine Frau ist, sie als Frau noch reifen muss, weil sie das ja so in der Pubertät nicht konnte.

Dann ändern sich die Dinge, Adèles Bruder verunglückt bei der Arbeit, er ist Bergarbeiter. Und Adèle verliebt sich in Tony. Das stürzt sie in ein noch größeres Gefühlschaos: Schließlich belügt sie ihn, sie kann ihm ja schlecht die Wahrheit erzählen, dass sie ein Junge war.

Emmanuelle Pagano hat sich eines schwieriges Themas auf erstaunlich unaufgeregte Weise angenommen. So verpasst sie Adèle eine auf den ersten Blick gewöhnliche Biographie: Sie fährt Schulbus, lebt in einem kleinen Dorf, lebt ein wenig aufregendes Leben, genießt die blauen Tage an ihrem kleinen See. Doch Adèle gewinnt dem Alltäglichen, der stetigen Wiederholung immer etwas Neues ab, weil sie auf ihre Umgebung achtet, weil sie noch immer hinsieht. Darin liegt der Zauber von Paganos kleinem Roman, er offenbart Poesie im Alltäglichen. Wunderbarerweise kommt der Roman ohne große Worte und Gesten aus, er bleibt so schlicht wie das Leben in den abgeschiedenen Bergen, wo ein fremder Mann am Straßenrand Gesprächsstoff über Tage liefert.

Dann kommt der Tag, an dem eines ihrer Kinder Adèles Geheimnis enthüllt.

 Emmanuelle Pagano, Der Tag war blau, Verlag Klaus Wagenbach

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