Am Ende der Zeit

„Er hatte dieses Gefühl, das über die Benommenheit und dumpfe Verzweiflung hinausging, schon einmal gehabt. Dass die Welt auf einen rohen Kern nicht weiter zerlegbarer Begriffe zusammenschrumpfte. Dass die Namen der Dinge langsam den Dingen selbst in die Vergessenheit folgten.“

Hinter dem Titel „Die Straße“ verbirgt sich ein düsteres, an den Nerven zerrendes Endzeitdrama, auf das ich, so muss ich gestehen, erst über die Verfilmung gestoßen bin. Cormac McCarthy erzählt in seinem Pulitzer-Preis gekrönten Roman von einem Mann und seinem Sohn, die durch eine entleerte, karge Landschaft gen Süden ziehen. In der Hoffnung auf einen Überrest vom Paradies, einem lebenswerten Ort. Denn selbst das Meer hat am Ende der Zeit sein Blau eingebüßt, ist nur noch schwarz. Die beiden bleiben namenlos. Ebenso das Land, durch das sie auf namenlosen Straßen streifen. Seit mehr als einem Jahr marschieren sie durch eine geplünderte Ödnis, leben sie von Konserven, die sie in den Ruinen finden. Und hungern. Wie lange aber das Ende der Zivilisation her ist, verschweigt der Roman. Es ist passiert, bevor sich der Junge daran erinnern kann. Ein Junge, dessen Alter der Vater – der im Roman nur der Mann genannt wird – nur noch schätzen kann. Namenlos, wie Orte, Landstriche, Kontinent.

McCarthy entwirft eine düstere, kalte Endzeit, eine in ihrer Leere beklemmende Einöde. Keine Tiere, keine Menschen, keine Beeren, die den Hunger stillen. Es ist eine Welt, in der jegliche moralische Instanzen ausradiert sind, in der jeder, der noch lebt, auf sich allein gestellt ist. In der das Leben auf den Überlebenskampf grauer Vorzeit reduziert ist, auf die ewige Suche nach etwas Essbaren. Doch der Post-Neuzeitmensch kann nichts mehr jagen, die Tiere sind ausgestorben, stattdessen durchwühlt er Vorratskammern und Kühlschränke verwaister Häuser. In dieser Öde erweckt selbst ein alter, fast blinder Mann Misstrauen. Es ist eine Welt, in der sich Gut und Böse davon unterscheiden, ob die Menschen zu Kannibalen werden. Nicht wie jene unglückselige Fußballmannschaft, die in den Anden abgestürzt ist und deren junge Männer begannen, ihre bereits gestorbenen Kameraden zu essen, als nichts mehr da war. Die Bösen werden zu Jägern ihre eigenen Art, braten ein Kind am Spieß. (Dieses Buch ist nichts für Zartbesaitete.)

In dieser Finsternis kämpft McCarthys Protagonist darum, die Unschuld seines Kindes zu bewahren. Seine Unschuld, sein kindlicher Sinn für Recht und Unrecht sind das Licht im Dunkel. Es ist ein schier unmögliches Unterfangen. Und von Anfang an steht fest, dass der Mann den Kampf nicht gewinnen kann. Blutiger Husten kündet vom nahenden Tod. Er bleibt nicht der einzige Vorbote.

McCarthy hat eine schlichte Sprache gewählt, die ebenso karg ist, wie die Welt, die sie beschreibt. Aus jeder Silbe spricht eine endlose Verzweiflung. Er erzählt seine Geschichte in Bruchstücken, kurze und kürzere Absätze, die ebenso zersplittert sind, wie das Land, durch das der Mann und der Junge wandern und sich an eine winzige Hoffnung klammern, ohne die sie schon längst aufgegeben und den Revolver benutzt hätten. So lange wie möglich weiterzumachen, ohne böse zu werden. Bis der letzte Mensch vom Angesicht der von einer grauen Aschewolke bedeckten Erde verschwunden ist. Nach den letzten Worten bleibt ein klammes Gefühl zurück. Cormac McCarthys Roman ist ein gewaltiges Buch, dass einen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Verstörend und herzzerreißend. Ein definitives Muss. Und ohne den Film, den ich bisher noch nicht gesehen habe, hätte ich es fast verpasst.

Cormac McCarthy, Die Straße, Rowohlt Taschenbuch Verlag

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