Amerikanisches Gruselkabinett

Er hat ein bisschen viel gewollt. Joey Goebel hat mit seinem Roman „Heartland“ nach einem Meisterwerk gestrebt, das ihn in die Liga der großen amerikanischen Erzähler der Gegenwart katapultiert. Das hat nicht geklappt. Dieser 700 Seiten starke Roman ist kein Missgriff. Aber er ist eben auch nicht annähernd so unterhaltsam und erfrischend ungewöhnlich wie seine Vorgänger „Vincent“ und „Freaks“. Und das ist schade, denn Goebel wirft einen ausgesprochen satirischen Blick auf die amerikanische Provinz. Genüsslich zerrupft er die Mechanismen, nach denen der amerikanische Politikbetrieb funktioniert.

Blue Gene Mapother ist von außen betrachtet eine traurige Gestalt: Der junge Mann humpelt, trägt einen gräßlichen Vokuhila und einen nicht minder entstellenden Schnauzer. Dazu steht er auf Shorts und findet Ärmel über seinen Armen unerträglich. Er lebt in einem Trailer-Park und verkauft Spielzeug auf einem Flohmarkt. Blue Gene ist der Stereotyp der amerikanischen Unterschicht: Er steht auf Wrestling, Monstertrucks und glaubt immer noch an das Ammenmärchen von seiner Freiheit, die im Krieg in Afghanistan und Irak verteidigt wird. Doch ist Blue Gene gar kein Underdog: Er stammt aus reichem Haus. Sein Vater leitet einen Tabakkonzern, nur hat sich Blue Gene – das schwarze Schaf – von seiner Familie und deren Reichtum abgewandt. Diesen Kniff verwendet Goebel, um zwei Sphären der Gesellschaft zusammenzubringen, die eigentlich nicht zusammen gehören. Blue Genes großer Bruder John will in den Kongress. Dafür braucht er die Hilfe des abtrünnigen Sohnes, denn die Welt der Wähler, die Welt des einfachen Arbeiters, wie sein Unternehmen Hunderte beschäftigt, ist ihm fremd. Das ist der Plan des Patriarchen Henry Mapother, der seinen ältesten Sohn der Nation als Messias voranstellen will. Wie es ihm ein Traum seiner Frau eingeflüstert hat. Den jüngeren Sohn ködern sie mit den richtigen salbungsvollen Schlagworten von Freiheit und Patriotismus. Es ist eine riesengroße Show, die sie zum Wahlkampfauftakt aufziehen. Blue Gene verschafft John Zugang zur Unterschicht, er ist der Mittler zu den Wähler. Bis zu dem Tag, an dem er hinwirft.

Goebel entwirft einen Plot mit einem tief verschütteten Geheimnis, der einer Soap-Opera zur Ehre gereicht hätte. Nur, das Goebel ihn gehaltvoller füllt und mit weniger schönen Menschen bevölkert, als die Drehbuchschreiber von „Reich und Schön“. Goebel legt natürlich auch auf weniger weniger Dramatik und mehr Gesellschaftskritik an. Und davon hält „Heartland“ eine Menge bereit. Goebel, Jahrgang 1980, schreibt gegen den amerikanischen Kleingeist, gegen den religiösen Fanatismus, gegen die politische Scheinwelt, gegen die ungebildete Kritiklosigkeit an. Dafür gestaltet er ein überzeichnetes Figuren-Panoptikum, das wenig Sympathien des Lesers auf sich zieht. Als wäre das noch nicht genug, erschafft Goebel außerdem eine Gesellschaftsutopie, die zum Scheitern verdammt ist wie es der Kommunismus war. Doch um seinen Plot zu entfalten, braucht Goebel zu lange. Er fordert eine Menge Geduld ein. Es dauert einfach furchtbar lange, bis er das Mapothersche Kartenhaus zusammenbrechen lässt. In der Zwischenzeit wollte ich dieses zähe Stück Literatur bestimmt sechsmal unvollendet wieder im Regal verschwinden lassen. Letztlich war ich dann doch zu neugierig: Ich wollte einfach wissen, mit welchem Clou Goebel sein Konstrukt auflöst. Wäre Goebel nicht ein so begnadeter Erzähler, hätte ich wohl nicht bis zum Schluss, der seine durchgeknallten Gestalten ins Leere laufen lässt, durchgehalten.

Joey Goebel, Heartland, Diogenes Verlag

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