Black Pat lehrt das Fürchten

Dieses Buch lässt mich ratlos zurück. “Mr. Chartwell” von Rebecca Hunt: Der Klappentext verheißt einen britisch-humorvollen Roman um eine Bibliothekarin und einen schwarzen, sprechenden Hund. Das klang vielversprechend, nach amüsant-skurriler Unterhaltung. Keine Frage, Hunts Debüt hat seine komischen Momente. Doch im Grunde ist es richtig harter Tobak. Herrlich bizarr, das möchte ich gar nicht in Abrede stellen. Ich bin nur dermaßen froh, dass ich es gerade jetzt im Sommer entdeckt habe und nicht im trüben, frlstelnden Winter. Dann hätte mich der Roman wohl richtig mitgenommen. Und jetzt fragt Ihr Euch sicher, verdammt nochmal, worum geht es eigentlich?! Der sprechende Schrank von einem Hund – Mr. Chartwell oder Black Pat genannt – nistet sich bei der Bibliothekarin Esther Hammerhans ein. Sie lebt allein, doch es ist ein trauriges, tragisches Kapitel, das hinter ihrer Einsamkeit steckt, wie Hunt andeutet. Esther war verheiratet. Doch ihr Mann Michael ist verschwunden, nicht mehr Teil ihres Lebens. Hunt zögert es lange hinaus, bis sie Esther das Schicksal ihres Mannes offenbaren lässt. Zu dem Zeitpunkt ahnt man längst, was Sache ist. Eigentlich ahnt man es gar nicht mehr, man weiß es.

Doch Esther ist beileibe nicht die Einzige, mit der Black Pat redet. Er besucht auch historisches Schwergewicht: Winston Churchill, einstiger Premier Großbritanniens. Hunts Roman beginnt wenige Tage vor Churchills Abschied aus dem britischen Parlament und damit von der politischen Bühne. Churchill soll sich zur Ruhe setzen, dass behagt ihm wenig. Da hat ihm die Heimsuchung durch Black Pat gerade noch gefehlt, denn dieser riesige schwarze sprechende nervtötende Monsterhund ist die personifizierte Depression. Bei dieser Entdeckung wurde mir mulmig, und mein Magen verkrampfte sich. Denn das kann kein gutes Ende nehmen. So ist es, wenn Black Pat – dieser irrwitzige aufrecht laufende Hund – seine Opfer mit seiner bloßen, erdrückenden Anwesenheit quält, schnürt es einem die Luft ab. So oft hatte ich Mitleid mit dem armen Churchill, der sich diesem Elend sein Leben lang stellen muss, und bangte um Esthers Gemüt, wenn sie erst begriff, warum Black Pat ausgerechnet bei ihr eingezogen ist.

Hunts Kunstgriff, diese psychische Krankheit zu einer außenstehenden Präsenz zu machen, ist zweifelsohne ein Geniestreich. Churchill und Esther erkennen sich denn auch als Leidensgenossen, die mit dem gleichen unwillkommenen, immer wiederkehrenden Gast geschlagen sind. Hunt hat einen wunderbaren Weg gefunden, Depression zu beschreiben – als eine Dunkelheit, die einen überfällt, die einen niederdrückt, die zwar nicht Teil der eigenen Persönlichkeit ist, solange man sich dagegen wehrt, die man aber nicht abschütteln kann, die sich auch nicht einfach vertreiben lässt. Man muss sie ertragen – oder daran zerbrechen. Das ist der beklemmende Aspekt dieser Geschichte, der mich dazu brachte, den Roman oft nach nur zwei, drei, vier Seiten wieder beiseitezulegen, weil ich nicht mehr von dieser Finsterheit auf einmal aushalten konnte. Aber ganz aufgeben, ging nicht, dazu ist der Roman einfach zu gut, zu originell. Die Figuren sind liebevoll gezeichnet. Rebecca Hunt mag ihre Geschöpfe – selbst den gruseligen Hund. Obwohl man sie nur wenige Tage begleitet, wachsen sie einem ans Herz, so dass man mit ihnen durch dieses dunkle Tal schreitet – auch wenn ich dafür ein paar Tage länger gebraucht habe. Esthers Kollegin und Freundin Beth und ihr Mann Big Oliver sind herzerwärmend in ihrer finsterlosen vor Lebenskraft strotzenden Ahnungslosigkeit. Ihnen kann Black Pat nichts anhaben. Ebenso wenig Corkbowl, dem Neuen in der Bibliothek von Westminster Palace. Er ist von der feinsinnigen Sorte, der Gefallen an der stillen Esther findet. Seine schüchternen, etwas unbeholfenen Annäherungsversuche bewahren Esther ebenso wie Beth’ Freundschaft und Churchill vor dem Fall ins Bodenlose. Das ist denn auch die gute Nachricht von Hunts Roman: Nicht jeder fällt auf ewig der Dunkelheit anheim, manche entkommen Black Pats Klauen wieder.

Hunts Debüt überrascht einen durchaus mit jenen erhofften skurril-komischen Momenten, wenn sich Black Pat an Esther heranschleicht, ein halb gerupftes Huhn über offener Flamme grillt oder wenn er Tee schlürft und gegen Corkbowl wettert. Doch es sind nur kurze Verschnaufpausen von der alles durchdringenden Beklommenheit. Der Britin ist es gelungen, einen Roman über Depression zu schreiben, der eben nicht als Lebenshilferatgeber daherkommt, der sich von den Klischees und der Tränendrüse fernhält. Hunts Roman ist auch alles andere als reißerisch. Intelligent gemacht, unaufgeregt geschrieben. Also gut, “Mr. Chartwell” ist ein gutes Buch, ein lesenswertes. Allerdings sollte sich jeder gut überlegen, ob er Churchills Tapferkeit aufbringt und sich der Dunkelheit stellen kann.

 Rebecca Hunt, Mr. Chartwell, Luchterhand

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