Bloomsday auf Russisch

Ein Bloomsday auf Russisch, weiter sollte man den Vergleich mit James Joyce nicht treiben. Damit täte man dem Russen Unrecht, der aus diesem Vergleich zwangsläufig als Verlierer hervorgehen müsste. Grischkowez’ Großstadt-Roman ist eine moderne Variante, dessen Hauptfigur Alexej, ein junger Architekt, unpolitisch und ich-konzentriert, von dem drängenden Gefühl, mit der namenlosen Sie, der Geliebten zu sprechen, sie anzuschauen, durch die Straßen Moskaus getrieben wird. Zu vieles hält ihn ab, einfach seinem überwältigenden Gefühl nachzugeben. Jeder kennt es, das fiebrige Sehnen nach dem einen Menschen.
Alexej oder Sascha, Sanja, die Russen kennen ja der Koseformen viele, ist befallen davon. Sein Denken kreist einzig um Sie, entsprechend ungelegen kommt ihm der überraschende Besuch seines besten Freundes, der sich bei ihm einquartiert und auch noch erwartet, unterhalten zu werden.
Sascha nimmt Max also mehr unwillig mit ins entfesselte Moskau, dessen Puls scheinbar noch schneller und heftiger schlägt als das anderer Metropolen. Die alptraumhaften Tagträume, die Sascha immer wieder heimsuchen, offenbaren die russische Hauptstadt als kapitalistischen Kriegsgebiet, in dem jeder für sich allein kämpft, um nicht von der potenzierten Einsamkeit der anonymen Großstadt verschlungen zu werden. Wie ein Wunder mutet es Sascha denn an, dass er Sie gefunden hat, dass sie sich überhaupt getroffen haben in diesem riesigen Moloch. Doch hat er nun keine Zeit für Sie, weil ihm der Eindringling Max am Hemdzimpfel hängt. Es braucht den ganzen Tag und die halbe Nacht, bis Sascha endlich erkennt, dass Max ein ebenso Getriebener ist, dass sie einander brauchen und dass Max ihn nicht wirklich von Ihr entfernt.
Hinter dem ursprünglich blütenweißen Hemd verbirgt sich Saschas ganz persönliche Küchenphilosophie: Neuer Tag, neues Hemd, neues Glück. Bezeichnenderweise hängt nach seinem Bloomsday als letztes ein rosafarbenes im Schrank.
Grischkowez Erstling ist überraschend und unterhaltsam, hat man erst das anfängliche Jammertal von Saschas Liebesklagen durchschritten. Sie passen zweifellos ins Fieber-Bild, sie zerren aber dennoch an den Nerven, wie einfach jeder Frischverliebte seinem Umfeld rasch auf den Wecker fällt. Erfrischenderweise hält sich Grischkowez fern von vulgären und obszönen Passagen. Zum Glück verkaufen sich wenigstens noch Bücher ohne ausufernde Darstellungen von Sexpraktiken.

Jewgenij Grischkowez, „Das Hemd“, Amman-Verlag

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