Blut ist doch nicht dicker als Wasser

“Die Frage war: Wie kam er raus aus diesem Gefängnis? Die große schwarze Frauensperson, die Böse, der Bastard, sie war es, auf die er ein Auge haben musste. Sie wollte ihm das Leben zur Hölle machen. Sie stand am anderen Ende des Gefängnishofs.”

© jennys bücherecke

© jennys bücherecke

Die Lamberts sind eine reichlich kaputte Familie. Die Lamberts sind Alfred, Enid und ihre erwachsenen Kinder Gary, Chip und Denise. Mit ihnen will man nicht tauschen. Der einstige, neurotische Workaholic Alfred leidet an Alzheimer, seine Frau Enid ist notorisch unzufrieden mit ihrem Leben, die Kindern halten sich am liebsten fern vom Elternhaus.

Enid wünscht sich nichts sehnlicher als ein letztes gemeinsames Weihnachtsfest in dem Städtchen St. Jude, irgenwo im US-amerikanischen Mittelwesten. Das ist der Dreh- und Angelpunkt in Jonathan Franzens Roman “Die Korrekturen”. Von dem Moment ausgehend, in dem Enid ihren Herzenswunsch äußert, breitet Franzen das Geflecht aus, das diese Familie mehr trennt als verbindet. Er nimmt sich viele Seiten Zeit, um die einzelnen Familienmitglieder vorzustellen. Er zeichnet ihre Irrwege nach und gewährt einen Blick ins Schlafzimmer. Schonungslos entblößt Franzen seine Figuren. Er hat offfensichtlich keine Scheu vor der abstoßenden Wirkung. Der Leser soll die Nase rümpfen, sich abwenden, die Hände überm Kopf zusammenschlagen, die Lamberts anbrüllen wollen, aber auch Mitgefühl und Sympathie entwickeln – für jeden von ihnen. Das dauert. Chip führt Franzen als verkappten Drehbuchautor ein, der seine Unikarriere samt Lehrstuhl für eine Affäre mit einer Studentin dreingegeben hat. Gary ist rechthaberischer Geldsammler, der mit seiner Frau einen Psychokrieg führt, den er nicht gewinnt. Starköchin Denise steigt mit ihrem Boss und dessen Frau in die Kiste und verliert alles – ihren Job und ihre Selbstachtung. Enid ist das Paradebeispiel einer unzufriedenen Ehefrau, die alles dafür tut, dass zumindest der Schein nach außen gewahrt wird. Dafür redet sie sich die Realität auch mal schön. Alfred ist der arme Wicht, an dem gezerrt und gezogen wird, der in den klaren Momenten seinen Zerfall wahrnimmt und dem ein Ende setzen will. Er ist der Vater und Ehemann, dessen Unfähigkeit zur Nähe als Gefühlskälte und Gleichgültigkeit missverstanden wird.

Chip flieht für ein zwielichtiges Internetgeschäft aus seiner traurigen kleinen Existenz nach Litauen. Das ist die vielleicht absurdeste Episode des Romans. Andererseits: die Kreuzfahrt, auf der Alfred ins Meer fällt und Enid tablettensüchtig wird, hat es ebenso in sich. Absurd ist aber auch Garys verbaler Kleinkrieg mit Ehefrau Caroline. Sie liefern sich erbitterte Grabenkämpfe, in die sie verabscheuungswürdigerweise ihre drei Söhne hineinziehen. Und dabei redet sich Gary ein, das perfekte Leben zu leben. Nach außen ist dies scheinbar der Fall: Schließlich verdient er gut, hat ein hübsches Haus, eine schöne Frau und drei prächtige Kinder. Den Mittelwesten glaubt er, losgeworden zu sein. Irren ist menschlich. Dabei entgeht Gary, was er mit seiner Mutter, von der er sich zurückgewiesen fühlt, gemein hat. Sie biegen sich die Realität zurecht. Wie man sich durch das Zurechtbiegen ins Unglück stürzt, legt Franzen offen. Die titelgebenden Korrekturen beziehen sich nicht allein auf die ständigen Korrekturen, die Chip an seinem Drehbuch vornimmt und mit denen er nie zum Schluss kommt, sondern auch auf die Korrekturen, die die Lamberts ihrer Wahrnehmung unterziehen. So macht Enid aus dem Warren Street Journal, für das Chip ohne Bezahlung schreibt, kurzerhand das Wall Street Journal. Das ist ihr ein Begriff, das kann sie mit Stolz geschwelllter Brust daheim als Chips Arbeitgeber verkaufen.

Der Gedanke, der einen beim Lesen immer wieder befällt: Das will ich nicht! Der andere Gedanke: Die wirklich gelungenen Charakterstudien hätten durchaus etwas kürzer ausfallen können. Klar, das grenzt fast an Blasphemie, gilt Franzens Roman doch als ein großer und wichtiger. Ja, das ist er auch. Dennoch trägt Franzen mit all dem, was er seinen Figuren andichtet, streckenweise doch etwas dick auf. Makellos beklemmend aber schildert er Alfreds Alzheimer bedingten Zerfall. Allein für diese Passagen lohnt sich die Lektüre. Und dabei gibt es noch einige lesenswerte mehr auf den mehr als tausend Seiten, die der Roman in der handtaschengerechtigten Kleinausgabe hat.

Jonathan Franzen, Die Korrekturen, Rowohlt Taschenbuch Verlag

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in gelesen und getagged , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>