Bombenstimmung in der Provinz

© jennys bücherecke

© jennys bücherecke

Am Anfang ist eine Bombe. Sie geht mitten im Nirgendwo der österreichischen Provinz hoch. In Verdacht steht Daniel, ein ehemaliger Schüler von Anton, dem Ich-Erzähler. Der Beschuldigte taucht in der Gegenwart des Psycho-Romans von Norbert Gstrein gar nicht selbst auf. Er erscheint nur durch die Wahrnehmung der anderen. Antons bester Schüler ist bereits zu Schulzeiten zur Projektionsfläche für die Menschen in seinem Umfeld geworden. Selbst die unsentimentale Kneipenwirtin Agata hält ihn für einen famosen Bub. Na gut, es gibt eine, die ihn von Anfang an nicht mochte: Barbara, Antons Ex. Aber die ist weg.

Es geht um Schuld, wer hat Schuld an der Bombe, wer hat Schuld, dass Daniel geworden ist, wie er ist – oder wie ihn die anderen erleben. Er kommt ja nicht selbst zu Wort. In dem Roman, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand, geht es noch um mehr: um verhängnisvolle Lehrer-Schüler-Beziehungen, um die Zeit der Unschuld, um die Frage nach Erlösung und den erstickenden Kleingeist in der Provinz, der in Österreich noch bedrückender sein muss.

Nachdem die Bombe hochgegangen ist, zieht sich Ich-Erzähler Anton in seine Mühle am Fluss zurück und schreibt seine Erinnerungen nieder. In der Einsamkeit, unweit jener Stelle, an der sich sein Bruder das Leben genommen hat, fühlt sich Anton wohl. Hier hat er den schönsten Sommer seines Lebens verbracht. Zehn Jahre ist es her, dass Daniel und Christoph im Sommer nach der Matura bei ihrem ehemaligen Lehrer vorbeischauen und bleiben. Sie liegen in der Sonne und lesen, sie fischen, wandern, reden über gewichtige Themen. Eine traute Dreisamkeit, die von Zaungästen misstrauisch beäugt wird. Gstrein fährt eine Riege trauriger Gestalten auf: einen blasierten Provinzbürgermeister, einen Schulleiter mit einer labilen Ehefrau, einen amerikanischen Reverend, der die Dorfbewohner, allen voran Daniel, retten will. Auch Anton, wie er in Erinnerungen schwelgt und sich die Welt erklärt, entpuppt sich als trauriger Sonderling. Er ist genauso verkorkst wie sein erklärter Lieblingsschüler. Vermutlich hat Daniels Jugendliebe Judith Recht: Anton mag es nicht, seine Schüler aus der Schule und damit der kindlichen Zeit der Unschuld zu entlassen. Und am Ende ist Anton wieder am Fluss mit einem Jungen. Doch dieser wird der Zeit der Unschuld nie entwachsen.

Mein Problem: Ich finde keine rechten Zugang zu Gstreins Roman. Seine Figuren werden nicht greifbar, das liegt natürlich an Antons Perspektive, an seiner Innensicht, seiner um sich selbst kreisenden Reflexion, die mich einfach furchtbar schnell nervte. Dann der amerikanische Reverend mit seiner Geschichte, die homoerotischen Anspielungen, die Sensationslust der Provinz. Das alles ist mir einfach too much.  Und in dieser verkorksten Grundstimmung zu bedrückend.

Norbert Gstrein, Eine Ahnung von Anfang, Hanser

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in gelesen und getagged , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>