Das Unbehagen einer Teenie-Story

Seit J. K. Rowling hat keine Autorin die Bestsellerlisten derart beherrscht wie Stephenie Meyer. Die Vampirgeschichte der Amerikanerin reicht nicht an die Klasse des britischen Zauberlehrlings heran. Dennoch hat Meyer eine eigentümlich fesselnde Geschichte vorgelegt, die gerade junge Mädchen in ihren Bann schlägt. Aber eben nicht nur. Eines ist aber auch gewiss, die Geschichte des nach Unsterblichkeit strebenden Liebespaars Bella und Edward ist nur etwas für Mädchen. Meyer erzählt eine kitschig-schaurig-schöne Liebesgeschichte, die denn auch die Geschichten berühmter literarischer Paare zitiert.

Bella zieht zu ihrem Vater nach Forks, ein kleines verregnetes Städchen. Bereits am ersten Schultag begegnet sie Edward, von dessen überridischer Schönheit sie sogleich erschlagen ist. Ebenso aber auch von seiner anfänglichen Unhöflichkeit. Die geneigte Leserin weiß natürlich seine Blässe, seine distinguierte Art und seine Unnahbarkeit von Beginn an richtig zu deuten. Bella hingegen braucht eine Weile, bis sie das Geheimnis aufdeckt. Alles in allem nicht viel neues, und doch entfalten Twilight und die drei Nachfolger (New Moon, Eclipse und Breaking Dawn) eine Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann.
Viel ist geschrieben worden über das mormonische Weltbild, das Stephenie Meyer in ihren Romanen in die Welt hinausträgt, von den Geschlechterrollen, in denen sie ihre Figuren gefangen hält. Ich denke aber, dass den europäischen jungen Leser dergleichen herzlich wenig interessiert, dies auch kaum der Grund für den Erfolg der Tetralogie ist. Ganz abgesehen davon, dass Bella zwar schon ein kleiner Pechvogel, aber eben keineswegs das fügsame Hausmuttchen ist, auch wenn sie für ihren Vater kocht. Es ist ihre Fürsorge für ihre Eltern und ihre Freunde, die sie von Gleichaltrigen unterscheidet. Und gerade ihre Ungeschicktheit macht sie auch so sympathisch. Sie ist eben nicht die perfekte, cheerleadernde Highschool-Schönheit. Danach hat der fast hundert Jahre alte, auf ewig 17-jährige Edward auch nicht gesucht. Außerdem wird Bella später zu Edwards Beschützer, die Rollen verkehren sich. Wie sich am Ende jedoch alles fügt, ist zugegeben reichlich dick aufgetragen, aber damit hat nicht nur Meyer Probleme. Und den Spaß verdirbt es dennoch nicht.
Eines muss man Stephenie Meyer lassen: Sie hat ein paar wirklich nette Ideen in ihre Geschichte eingebaut. Bellas Blut singt für Edward – la tua cantante nennen die Vampire dieses Phänomen. Wie ein Magnet zieht Bellas Geruch ihn an. Edward und seine Familie sind keine menschenmordenden Bestien, sondern „vegetarische“ Blutsauger, sie ernähren sich nur von Tieren, deshalb haben ihre Augen eine goldbraune Färbung, während die Augen jener Artgenossen, die sich von Menschenblut ernähren, auch blutrot sind. Meyers Vampire müssen sich nicht vor der Sonne verstecken, weil sie verbrennen, sondern weil die Sonne ihr Geheimnis enthüllt.
Schade ist nur, wenn eine Süddeutsche-Autorin sich anmasst, über die Leser zu urteilen, sie als blöd abzustempeln. Nur weil sie sich an einer kitschigen Geschichte erfreuen. Es muss nicht immer Marcel Proust sein. Außerdem ist es gut zu wissen, dass junge Menschen nach Harry Potter immer noch Bücher lesen. Und wenn nur einer nach Twilight zu Emily Brontës „Wuthering Heights“ greift, weil sie/er erfahren will, was es mit Heathcliff und Cathy auf sich hat, hat Stephenie Meyer mit ihrer Vampirsaga mehr erreicht, als so mancher Literaturunterricht. Dem Vorwurf der Biederkeit kann ich ebenfalls nicht folgen. Klar, Edward hält sich und Bella zurück, will sich von seiner Leidenschaft nicht übermannen lassen und Bella verletzen. Nun, ein etwas überlegterer Umgang mit Sex erscheint mir durchaus sinnvoll. Gerade für junge Menschen, die die Tragweite ihrer Entscheidung nicht abschätzen können, die vielfach gar nicht darüber nachdenken. Gut, die Sache mit dem Heiraten verschließt sich dem europäischen Lebenswandel. Andererseits passt es in die Geschichte, Edward ist nun einmal hundert Jahre alt, in seiner Jugend hat man eben erst geheiratet. Na ja, vielleicht nicht immer… Dennoch sollte niemand einen lesenden Menschen als blöd bezeichnen, das ist einfach herablassend.

Stephenie Meyer, Twilight, Atom

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