Das unergründliche Unglück der Liebe

Trostlos. Trostlos – das ist das Wort, nach dem ich so lange gesucht habe, das beschreibt, wie der Roman “Dunkle Materie” von Aner Shalev auf mich gewirkt hat. Welchen Eindruck er hinterlassen hat. Die dunkle Materie, die geheimnisvolle Kraft im All, scheint ebenso unergründlich wie die Anziehungskraft, die Menschen aneinander bindet. Es geht um Adam und Eva. Aber nicht um das erste Paar, sondern vielmehr um eines, das stellvertretend für die vielen Paare steht, die nach Liebe suchen, die das Geheimnis der Liebe zu ergründen suchen – und scheitern. Eva schreibt in Jerusalem an ihrer Dissertation über die dunkle Materie. Adam ist Diplomat und lebt in New York – und er ist verheiratet. Die beiden begegnen sich in Jerusalem: Adam fährt Eva an und bringt sie ins Krankenhaus. Sie verlieben sich. Adam kehrt zurück nach New York. Eva schreibt ihm E-Mails, liefert sich ihm aus, verschweigt nicht ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart, ihre Zweifel und ihre Sehnsucht. Sie verabreden sich zu einer gemeinsamen Woche im Big Apple. Adam ist auf dem Weg zum Flughafen. An diesem Punkt beginnt der Roman. Die Vorgeschichte von Adam und Eva erzählt Shalev in Rückblenden und in Evas Mails. So setzt sich Puzzleteil für Puzzleteil ihre Geschichte und deren Verhängnis zusammen. Ein Happy-End gibt es hier nicht.

Es ist ein unglückseliges Dickicht, das sich vor dem Leser auftürmt, das aus den Entscheidungen, die wir treffen, und den Illusionen, denen wir uns hingeben, entsteht. In einem kleinen, schmucklosen Hotelzimmer wollen die beiden ihre Romanze fortsetzen, die so magisch in Jerusalem begonnen hat. Doch dazwischen liegen Monate – und Erwartungen, die sie beide entwickeln. Lange, bevor man die ersten Mails von Eva liest und einen Blick in ihr Seelenleben wirft, weiß man bereits, dass Adam ein armseliger Wicht ist. Einer, der seine Frau betrügt, aber nicht einmal den Mumm aufbringt, dem Taxifahrer zu sagen, dass er gar nicht zum Flughafen will. Und wenn dann Eva auf Adams Eifersucht anspielt, bleibt nur ungläubiges Kopfschütteln. Da fordert einer Absolutheit ein, der keinerlei Anspruch darauf hat. Doch irgendwie bleiben Shalevs Figuren ungreifbar, irreal – selbst Eva, der er über die Mails viel Platz einräumt, wirkt bei ihrem New Yorker Auftritt unvollendet. Sie erscheint überkandidelt, wie ein schmollendes, kleines Mädchen, doch was sie tatsächlich antreibt, das erfährt man nicht. Anders bei Adam, von ihm gibt Shalev nicht mehr preis wie Adam gegenüber seiner Geliebten. Obwohl, das stimmt nicht ganz, als Leser erfährt man sogar etwas mehr über ihn und seine Antriebe.

Und bisweilen trägt Shalev etwas dick auf: Adam und Eva sind über Verflossene bereits vor dem schicksalshaften Unfall miteinander verbunden. Adams Ex Tanja war einst mit Evas Ex Sascha zusammen. Das ist dann doch zu viel der Konstruktion und sorgt auch nicht für mehr Klarsicht. Weder beim Leser, noch bei Shalevs Gestalten. Die anfangs erwähnte Trostlosigkeit rührt aber nicht daher, sondern von der Fatalität, die Adams und Evas Geschichte zugrundeliegt. Sie lassen sich unter verschiedenen Vorausssetzungen aufeinander ein, sie werden nie wahrhaftig zueinanderkommen. Eva hängt ihr Herz an einen Mann, der ihr nie gehören wird. Und Adam spricht von Liebe, obwohl er Begierde meint. Eva will keine Lügen, also schweigt Adam, der sich selbst so wenig kennt, dessen Umwelt es gut täte, wenn er seine Handlungen und Gefühle einmal so analysieren würde, wie Eva es tut. So stürzen sie sich in ein emotionales Fiasko, aus dem nur Eva entkommen kann. Wenn sie die Kraft aufbringt, Adam zu durchschauen und ihn zu verlassen. Ob sie das kann, lässt Shalev offen. Und so ist die Liebe eine Illusion, die wir selbst erschaffen. Trostlos, wie gesagt.

 Aner Shalev, Dunkle Materie, Berlin Verlag

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