Die Dinge sind, wie sie sind

„Doch manchmal macht die Nacht eine klare Ansage, manchmal enthüllt die Nacht die einzige Wahrheit: Die Zeit vergeht, und die Dinge werden nie wieder sein, wie sie waren.“

„No & ich“ ist ein poetisches, atemberaubendes, fesselndes, wahrhaftiges, erstaunliches, wundersames, berührendes, nachdenkliches, zauberhaftes, zartes kleines Buch. Delphine de Vigan erzählt die Geschichte vom Ende der Unschuld, wenn der kindliche Blick beginnt, die Wirklichkeit zu durchdringen. Und die bittere Erkenntnis folgt, dass die Dinge sind, wie sie sind. Nur dass sich Lou Bertignac, die 13-jährige Heldin, damit nicht abfinden will. Lou ist ein besonderes Mädchen, wie sollte es auch anders sein, es sind bekanntermaßen nicht die Angepassten, die sich an der Welt stoßen. Lou ist hochbegabt, sie hat zwei Klassen übersprungen, ihre Gedanken stehen niemals still, zwanghaft muss sie den Dingen auf den Grund gehen – und sie hat ihre kleine Schwester Thäis verloren. Lou begegnet No, einem einsamen 18-jährigen Mädchen, das auf der Straße lebt, und setzt alles daran, ihr zu helfen. Weil sie sich nicht damit abfinden will, dass die Dinge sind, wie sie sind. Lou hat Hilfe – von unerwarteter Seite. Ausgerechnet von Lucas, dem lässigen Rebell, den alle Mädchen anhimmeln. Der schöne Lucas ist ebenso ein Außenseiter wie Lou, er weiß ebenfalls, dass die Welt nicht heil ist, kann davor ebenso wenig die Augen verschließen. Und will doch Krümel, wie er Lou nennt, vor der Kälte und der Hässlichkeit beschützen.

Und Lou scheint, No helfen zu können. Doch die Dinge sind eben nicht so einfach. Und die Menschen noch weniger. Behutsam zeichnet de Vigan ihre Figuren, die man eben nur durch Lous Augen wahrnimmt. Das ist gut so, denn Lous Klarsicht ist bisweilen erschreckend. Und dennoch scheitern ihr Verstand und ihr Herz immer wieder daran die Puzzlestücke der Wirklichkeit zusammenzusetzen. Als Leser spürt man die Diskrepanz zwischen intellektueller und emotionaler Entwicklung. Aber es ist eben auch diese Kluft, die das Buch so besonders macht. Es ist das kindliche Beharren darauf, die Welt ein Stückchen besser zu machen, nicht einfach wegzusehen, das berührt. Man ahnt, was hinter Lous Beobachtungen steckt. Man ahnt die Abgründe, doch Delphine de Vigan lässt den Leser nie direkt hinabblicken, vieles bleibt unausgesprochen. De Vigan behält konsequent Lous Perspektive, und genau das macht das Buch so gut. Neben den vielen wahrhaftigen Sätzen, die de Vigan Lou in den Mund legt. Man schaut mit Lous Augen auf die vielen verstörenden Dinge dieser Welt. Und freut sich mit Lou, dass es ihr tatsächlich gelingt, etwas in Bewegung zu setzen. Nur eben nicht mit dem Ergebnis, das sie sich vorgestellt hatte. Und am Ende ist Lou nicht mehr Kind und nicht allein.

Delphine de Vigan, No & ich, Knaur Taschenbuch Verlag

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