Die Farce von der größten Liebesgeschichte seit Romeo und Julia

Edgar Hilsenrath, Moskauer OrgasmusEine Farce sei sein Roman, schrieb Edgar Hilsenrath an den Filmemacher Otto Preminger. Das kann ich unterschreiben. „Moskauer Orgasmus“ ist ein literarisches Zwischenspiel. Satirisch, ironisch, lustig und überdreht ist Hilsenraths Roman, den er Anfang der Siebziger Jahres geschrieben hat. Keine seiner Figuren ist authentisch, besitzt auch nur den Hauch von Realismus. Aber gerade in dieser Überspitzung macht das Buch ungeheuren Spaß, weil die Figuren so lächerlich überzogen sind, dass man gern schmunzelt. Auch der Klappentext ist Teil der großangelegten Farce, er verheißt quasi die größte Liebesgeschichte seit Romeo und Julia. Eine New Yorker Mafiaprinzessin verliebt sich in einen Moskauer Rabbinersohn. Das Paar löst beinahe den Dritten Weltkrieg aus.

Das mit der Liebesgeschichte ist schnell abgehakt, bereits im Prolog ist alles vorüber. Anna Maria, die Tochter des Paten Nino Pepperoni und Möchtegern-Journalistin, war nach Moskau gereist, um Breschnew zu interviewen. Schwanger kehrte sie heim, Sergej Mandelbaum hatte ihr den ersten Orgasmus ihres Lebens beschert – und sie geschwängert. Und seither ist sie besessen von dem russischen Rabbinersohn. Na ja, und ihr Vater, der Mafiaboss, kann den Gedanken nicht ertragen, dass seine Tochter ein uneheliches Kind zur Welt bringt. Dafür gibt es in seinen Augen nur eine Lösung: Mandelbaum muss hinter dem Eisernen Vorhang herausgeschmuggelt werden. Damit beauftragt Nino Pepperoni seinen Anwalt Archibald Sliwowitz, ein Mann mittleren Alters mit einem schwachen Herzen und einer Schwäche für hübsche Sekretärinnen. Und er ist der Mann für die funktionierenden Pläne.

Er findet den weltbesten Schmuggler, der eigentlich als unauffindbar gilt, er engagiert einen Hijacker, natürlich den Besten der Welt, den man für Geld kriegen kann. Mafiaboss Pepperoni stößt ein irrwitziges Unterfangen an, um Mandelbaum aus der Sowjetunion hinauszuschmuggeln in den freien Westen. Und während Hilsenrath seine Geschichte so leicht dahin erzählt wie eine amüsante Anekdote, die man auf einer Cocktailparty verbreitet, entlarvt er die Mechanismen der freien Welt, die so frei ist, dass selbst Gruppensexpartys Anna Maria nicht mehr als ein Gähnen entlocken. Hilsenrath überspannt die Klischees bis zum Anschlag, aus Verlegern und Schriftstellern werden Gefangene eines perfiden Machtspiels, bei dem es längst nicht mehr um gute Literatur geht, sondern nur um das, was sich verkaufen lässt. Und es geht den Verlegern darum, sich überlegen zu fühlen, als Götter des gedruckten Wortes aufzuspielen. Das lassen sie die jungen Autoren, die auf Veröffentlichung hoffen, auch spüren. Und etwas ernsthaftes verkauft sich nicht mehr.

Schade nur, dass „Moskauer Orgasmus“, zunächst 1979 unter dem Titel „Gib acht, Genosse Mandelbaum“ erschienen, der im Buch vorausgesagte Erfolg nicht beschieden war. Obwohl es doch so unernst ist, so satirisch, so herrlich politisch unkorrekkt und so witzig in seiner Konsequenz, wenn doch Mandelbaum die Fähigkeit verliert, um deretwillen Anna Maria ihn liebt. Aber der Psychiater wird’s schon richten. Auch so ein amerikanisches Mantra.

Edgar Hilsenrath, Moskauer Orgasmus, Deutscher Taschenbuch Verlag

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