Die Geschichte einer absurden Reise

Es beginnt mit einem Mann, der sich unterm Schreibtisch vor der Welt und seiner Geliebten versteckt. Eine absurde Vorstellung, die einen zum Weiterlesen zwingt, um das Geheimnis zu ergründen. Keith Stapperpfennig schiebt achtlos die ungelesenen Postkarten seines Großvaters, bei dem er mit vier Geschwistern aufgewachsen ist, beiseite. Doch der Großvater ist auf dem Weg nach China im Westerwald gestorben. Eine Reise, die der Lieblingsenkel gemeinsam mit dem Alten wagen sollte. Davor drückt er sich, ebenso wie vor seiner Geliebten. Und nun, als ihm eine Pathologin vom Tod des Großvaters verkündet, sieht er sich gezwungen, die verweigerte Reise zu fingieren. Er schreibt Briefe an seine Geschwister und berichtet von einer denkwürdigen China-Reise.

Unterbrochen werden die Lügenmärchen von Rückblenden. Keith erinnert sich an die Kindheit mit dem eigenwilligen Großvater, an die zahlreichen Großmütter, an Franziska, die letzte Großmutter, die Keith’ Geliebte wird. In den Briefen an die Geschwister, die er im Schutz des Schreibtisches verfasst, spinnt der Lieblingsenkel eine irrwitzige und zugleich anrührende Geschichte für den Alten, der auf dem Papier viel lebendiger wirkt, als in Keith’ Erinnerungen.

Ganz ins Herz schließt man Keith bis zum Schluss nicht. Wie auch keine andere der Figuren als erstrangiger Sympathieträger fungiert. Daraus aber strickt Rammstedt eine zauberhafte, fesselnde Geschichte über vertrackte Beziehungen und selbst geschmiedetem Schicksal. Keith, der sich sein Leben lang gegen die Zuneigung des Großvaters wehrt, weil er nicht anders sein will als die Geschwister, erkennt letztlich doch sein Herz für den alten Mann. Daraus entsteht eine poetische Liebeserklärung an das Leben und seinen manchmal versteckten Möglichkeiten. Gleichermaßen ist Rammstedts Roman eine Ode an die Macht der Phantasie, die aus einem unnützen Tod im Westerwald ein erfülltes Leben entstehen lässt. Und obendrein liest sich, was nach schwerer Kost klingt, erfrischend beschwingt wie ein Frühlingsspaziergang. Man spürt bei der Lektüre Rammstedts Vergnügen, einmalige Gestalten zu schaffen und mit ihnen zu spielen.

Tilman Rammstedt, Der Kaiser von China, Dumont-Verlag

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in gelesen und getagged , , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>