Die neuen Vampire

„Die ersten Takte der g-Moll-Sonate eigneten sich gut fürs erste Kennenlernen. Cello und Klavier scheinen sich vorsichtig aneinander heranzutasten, nicht sonderlich melodisch, nicht sonderlich schnell. Sie reizen höhe und tiefe Töne aus, aber wahren höfliche Distanz und reißen einander noch nicht mit.“

Eine Freundin hat gesagt, Engel wären die neuen Vampire. Und sie hat wohl Recht. Wenngleich nicht ganz überraschend. Die Fantasy-Literatur braucht immer mal wieder neue Helden. Die Vampire haben gerade ihre Renaissance erlebt, jetzt geht es wieder bergab. Beweis gefällig? Lest fünf Seiten aus der unsäglichen House-of-Vampyres-Reihe. Schlecht geklaut, mies geschrieben. Lockt kein bisschen zum Weiterlesen. Anders ist da „Der Kuss des Morgenlichts“. Leah Cohn hat einen süffigen Roman geschrieben. Einen Pageturner, wie die Verlage neuerdings mit Vorliebe werben. Im Mittelpunkt steht eine junge Musikstudentin, die sich in einen geheimnisvollen und nicht minder genialen Cellisten verliebt. Dieser Nathanel Grigori, man ahnt es rasch, ist nicht von dieser Welt. Er ist ein Engel, ein Nephilim. Und gibt damit einen guten Helden ab, denn diese sind nun einmal vorzugsweise zerrissen. Das ist auch Nathanel. Er verschwindet immer wieder. Irgendwann lässt er Sophie für immer allein und schwanger zurück.

Dass übernatürliche Mächte am Werk sind, weiß der Leser von der ersten Seite. Lea Cohn arbeitet mit Zwischenstücken, nur dauert es viele Seiten, bis der Leser aufdeckt, wessen Perspektive sie einfangen. Immerhin ahnt er lange vor Sophie, dass sie in einen engelshaften Konflikt geraten ist, in den jedoch nicht nur sie allein, sondern auch ihre siebenjährige Tochter – Aurora, die Göttin der Morgenröte, ein Name, der Sagenhaftes verheißt – hineingezogen wird. Und wenn Sophie zu wissen glaubt, was gespielt wird, wartet Cohn mit der nächsten immer wenigstens ein bisschen überraschenden Wendung auf. Es ist eine geschickt konstruierte Geschichte, die mit den biblischen Mythen von den Engeln und den Gefallenen spielt. Und eben einen Konflikt konstruiert, der den einen zermürbt, den anderen nicht berührt. Cohn malt ihre Figuren nicht schwarz-weiß, das muss man ihr zugute halten, und das macht die Geschichte nur besser. Bei ihr ist keiner frei von Schuld – zumindest von den engelshaften Wesen. Sie sind auch keine prophetischen, omnipotenten Wesen, sondern vielmehr in ihrer eigenen unsterblichen Existenz nicht minder gefangen wie der Mensch in der seinigen. Das Schönste, Eindrucksvollste aber sind die Worte, mit denen Cohn das Wesen der Musik, des Musikerlebens einfängt. Unglaublich poetisch. Einfach unbeschreiblich schön. Man sieht beim Lesen einfach diese beiden vor sich, wie sie muszieren, wie sie in der Musik versinken.

Fantasy made in Germany – das kann auch ein Qualitätsmerkmal sein, das beweist Cohn ganz nebenbei. Die Autorin ist in Österreich geboren und lebt in Frankfurt, ihre Geschichte beginnt in Salzburg, in Mozarts Stadt. Das funktioniert, es müssen nicht immer London oder Folks als Schauplätze herhalten. Schade nur, dass Fantasy-Geschichten nicht mehr in einem Buch zu Ende erzählt werden können: Es wird – mindestens – eine Fortsetzung von Cohns Morgenlicht geben.

Leah Cohn, Der Kuss des Morgenlichts, Krüger Verlag

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