Die vielen Gesichter der Liebe

Vier Männer buhlen um eine Frau: Das kann nur in Elend und noch mehr Elend enden. Wer sich von James Meeks Romantitel „Die einsamen Schrecken der Liebe“ verführen lässt und eine diese großen, dramatischen Liebesgeschichten à la „Doktor Schiwago“ oder „Vom Winde verweht“ erwartet, der sei gewarnt: Finger weg! Das Debüt des Briten hat eine Menge zu bieten, doch eine große Liebesgeschichte gehört nicht dazu. Das Glück, von dem er schreibt, währt nur einen Wimpernschlag. Die restliche Zeit lässt er seine Figuren im Schatten dieser Liebe existieren, in dem Streben nach diesem unerreichbaren Glück, das Meek ihnen allen verweigert.

Sein Roman will zeigen, was Menschen aus Liebe tun. Nicht nur aus romantischer Liebe, doch sie entpuppt sich als eine starke treibende Kraft. Der britische Autor hat einen Schauplatz gewählt, der selbst für den Leser schwer zu ertragen ist. Er versammelt seine Figuren in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und während der Wirren der Oktoberrevolution in einem kleinen Dorf in Sibirien. In einem Klima und einer Landschaft, die den Menschen bereits viel abverlangt, um zu überleben. In dieses Dorf mitten in der tundrischen Einöde versammelt er eine Witwe, tschechische Soldaten, Anhänger einer Kastratensekte, Kommunisten und Kannibalen. Eine wahrlich skurrile Gesellschaft.

Lange steckt der Leser in dieser doch reichlich unerfreulichen Zeit und Gegend fest, ohne ansatzweise erahnen zu können, wohin die Reise führt. Meek eröffnet seinen einsamen Liebesreigen mit Kyrill Iwanowitsch Samarin, einem merkwürdigen Waisenkind, das nicht mehr den Namen seines toten Vaters tragen will. Als Student verliebt er sich in eine Revoluzzerin namens Katja. Es folgt ein Sprung durch Raum und Zeit: Man begegnet auf der Bahnlinie durch Sibirien einem noch merkwürdigeren Samarin und dem nicht weniger geheimnisvolleren Gleb Alexejewitsch Balaschow. Meek führt seine Figuren kapitelweise ein, weshalb sie erstmal wieder in der Versenkung verschwinden. Denn nach Balaschow muss er noch den tschechischen Leutnant Josef Mutz, die Witwe und Mutter Anna Petrowna Lutowa und den tschechischen Kommandanten Matula vorstellen, um sein Panoptikum einsamer Herzen zu vervollständigen.

„Die einsamen Schrecken der Liebe“ ist ein groß angelegtes Versteckspiel, das viele Fragen nach Beweggründen und Vergangenheit der Figuren aufwirft. Warum stiehlt er Balaschow das Foto von Anna Petrowna? In welcher Verbindung stehen Anna und Balaschow? Was will Anna? Und die alles überschattende Frage: Was will Samarin? Das er die am wenigsten vertrauenswürdige Gestalt in diesem durchaus schaurigen Roman ist, weiß der Leser von Beginn. Matulas Grausamkeit und Heimtücke sind zu durchschaubar, um ernsthaft die Aufmerksamkeit des Lesers zu erregen.

Was aber sind die einsamen Schrecken? Nun ja, der Originaltitel lautet „The People’s Act of Love“. Schrecklich ist die Zeit, schrecklich sind die Umstände, unter denen sich Meeks Gestalten begegnen. Doch schrecklich trifft nicht auf die Spielarten der Liebe zu, die der britische Schriftsteller darstellt: die unverrückbare Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn, die hoffnungsvolle Liebe zwischen Mann und Frau, die Liebe eines Mannes, der unvorstellbare Entbehrungen auf sich nimmt und unsagbare Verbrechen begeht, um seine Geliebte zu retten, die unerwiderte sanfte Liebe eines Mannes, die Liebe zu Gott, die manchen zu nicht minder unvorstellbaren Akten treibt. Auch die pure Lust und den animalischen Trieb nach Befriedigung spart Meek in seiner Aufzählung nicht aus.

Um all dies miteinander zu verbinden, wählt Meek einen Schauplatz im Ausnahmezustand. Doch am Ende frage ich mich, ob er nicht zu viel gewollt. Keine Frage, er schafft gerade auf den ersten Seiten einen Tonfall zu erzeugen, einen Rhythmus zu wählen, der gar dem 19. Jahrhundert entsprungen scheint. Er hat ein Händchen für seine Figuren: Anna ist eine ungewöhnliche, sprunghafte, getriebene Frau. Mutz ist der zurückhaltende Typ mit einem ausgeprägten moralischen Kompass. Balaschow ist der selbstzweiflerische Märtyrer, der den eigenen Ansprüchen nicht genügt. Samarin ist der Unnahbare, der Undurchschaubare, der skrupellose Charmeur. Vorrangig hat mich an dieser im Klappentext angekündigten Dreieicksgeschichte die Kulissse gereizt, vor der Meek seine Figuren ins Unglück stürzt. Irgendwann waren es mir zu viele Fässer, die Meek aufmachte: das verworrene Beziehungsgeflecht, die eigentümliche religiöse Gemeinschaft, die tschechische Besatzung, die Emanzipation, die Kosaken, der schwellende Antisemitismus, der Kannibalismus, die kommunistische Ideologie. Sein Roman wartet mit einigen unglaublichen Aspekten auf, die ihn lesenswert machen: Dass es Kastratensekten gab, war mir bisher vollkommen fremd. Allein der Antrieb ihrer Anhänger, sich aus Liebe zu Gott zu verstümmeln, hätte genug Stoff für einen Roman geliefert. Schade, dass er so viel unterbringen wollte.

 James Meek, Die einsamen Schrecken der Liebe, Droemer Verlag

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