Die vielen Gesichter von Gott

Man kann einfach nicht anders, als dieses unglaubliche Mädchen ins Herz schließen: Eleanor Maud Portman, genannt Elly, die im Alter von zwölf Jahren erklärt, niemals erwachsen werden zu wollen. Genau genommen, hält sie sich lange daran. “Als Gott ein Kaninchen war” ist ein erstaunliches Romandebüt, das voller wundersamer Details, voller Warmherzigkeit, voller Liebe für die Figuren steckt, die Sarah Winman trotzdem Grausames durchleiden lässt. Doch stets begleitet sie ihre Figuren voller Mitgefühl.

Elly gehört zu jenen wunderbaren Kindern, die ganz früh lesen lernen, die die Welt und die Menschen auf ihre ganz eigene Weise entdecken – frei von den vorgefertigten Ansichten der Erwachsenen. Sie macht ihr Kaninchen – ein Geschenk ihres Bruders, das sie auf den Namen Gott tauft – zu ihrem Gewissen, ihrem moralischen Kompass, es wird zur Inkarnation ihrer inneren Stimme und hoppelt so durch ihre Kindheit, Jugend und ihr Erwachsenendasein. Ich bin wahrlich kein Kaninchenfreund, aber Gott mag ich. Er ist durchaus witzig und hat verdammt oft recht.

Winmans Roman erzählt vom Erwachsenwerden unter erschwerten Bedingungen. Elly liebt ihren Bruder abgöttisch, er ist das Zentrum ihres Universums. Für ihn liebt und hasst sie andere Menschen. Als Joe seine erste Liebe verliert, ist Charlie auch für sie gestorben. Sie wacht über ihn, wie er über sie wacht. Mit ihm teilt sie jenes unaussprechliche Geheimnis. Darin liegt Winmans große Kunstfertigkeit, den Missbrauch anzudeuten, ohne ihn schildern zu müssen. Gerade das Unausgesprochene schnürt einem die Luft ab, weil es unaussprechlich ist.

Elly bleibt wenig erspart, ihre beste Freundin Jenny Penny – allein für diesen Namen muss ich das Buch lieben – verschwindet spurlos, Ginger, eine Freundin der Familie, eine enge Vertraute, erkrankt an Krebs. Zu der Zeit ist Elly bereits erwachsen und immer noch gefangen in ihren Kindheitserinnerungen. Sie muss erst noch lernen, dass man manchmal loslassen muss, um eine Beziehung aufrechtzuerhalten. Das ist eine Lektion, die Elly und Joe auf die ganz harte Tour lernen. Das ist aber auch der Augenblick, in dem ich mich von Elly distanziere, weil eben ihr beharrliches, kindlich störrisches Festhalten an dem, wie es gewesen ist, vieles zu zerstören droht. Sie weigert sich zunächst, dies zu begreifen. Doch sie kriegt die Kurve. Das muss man Winman lassen, bei allem, was sie ihren Figuren an Kummer und Tragödien zumutet, hat sie doch einen Sinn für ausgleichende Gerechtigkeit. Die ja der Realität eher selten eigen ist. Das ist eben das Schöne an der Fiktion: der Autor ist in seiner eigenen Geschichte Gott.

Letztendlich geht es in Winmans Roman um jene Momente, die einen prägen, die einen ein Leben lang begleiten, die einen zu der Person machen, die man ist. Um die Menschen und das Beziehungsgeflecht zu ihnen, durch das man sich definiert, in der Welt verankert. Davon erzählt Sarah Winmann herrlich unsentimental und mit einer anständigen Portion Humor, aber glücklicherweise mit Happy End.

 P.S. Ich weiß, manche von Euch brauchen diese Gewissheit, ansonsten rührt Ihr das Buch erst gar nicht. Das wäre schade.

 Sarah Winman, Als Gott ein Kaninchen war, Limes

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