Ein Alptraum

Der britische Zeitung Independent on Sunday hat seine Kulturkritiker rausgeworfen. Dass dieses Beispiel Schule machen könnte, sollte einem bis ins Mark erschrecken. Es ist eine gruselige Vorstellung, da bin ich ganz bei Schriftstellerin und Spiegel-Kolumnistin Sybille Berg.

Hin und wieder ärgere auch ich mich über die Kulturkritiker in ihrem Elfenbeinturm. Doch nicht, wenn sie auf gute Bücher, Bücher mit Substanz wie “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand” aufmerksam machen, sondern wenn sie sich dem Schund widmen, der sich auf den Bestsellerlisten tummelt. Dass ich “Shades of Grey” nicht lesen will, dass merke ich ganz allein. Was ich von den Kritikern erwarte, ist, dass sie mich auf die feinen Juwelen hinweisen, die nicht in der vordersten Reihe der Buchhandlungen stehen, die nicht mit riesigen Plakaten beworben werden. Deshalb ärgert es mich, wenn sich Kulturkritiker in ihrer Hochnäsigkeit auf die Bestsellerlisten stürzen und natürlich “Shades of Grey” oder “Twilight” verreißen. Nur, um mehr Publikum zu erreichen? Ein Publikum, dass keine analytische Distanz wahrt? Das einen Verriss als Affront gegen die geliebte Lektüre, gegen den angebeteten Autor und gegen sich selbst versteht? Sicher, das bringt Klicks und Traffic, hitzige Diskussionen, doch was ist mit jenen Lesern, die nicht zum Schwarm der Seichtgebiete gehören, die tatsächlich noch ernsthafte Empfehlungen erwarten. Oder auch mal eine gesunde Vorwarnung: Dank der Literaturkritiker habe ich meine Erwartungen an J. K. Rowlings “Ein plötzlicher Todesfall” gehörig runtergeschraubt. Das war gut so, denn ansonsten wäre mein ein enttäuschter Fall ein weitaus tieferer gewesen.

Nun lese auch ich gern etwas Seichtes – momentan “The Mortal Instruments”: Das ist entspannend, gut für jene Stunden, in denen mein Hirn einfach mit “Ulysses” überlastet wäre. Doch wie gesagt, dafür brauche ich die Kulturkritik nicht. Die brauche ich, wenn ich meinem Hirn etwas Arbeit verschaffen will. Und dafür muss ich nicht immer einer Meinung mit dem Kritiker sein. Noch immer halte ich Terrence Malicks Film “The Tree of Life” in seiner vorschlaghammermäßigen Bildgewaltigkeit über den Makrokosmos im Mikrokosmos für geraubte Lebenszeit. Ist nicht meins, muss es aber auch nicht sein. Im Gegenzug hat mich der hochgelobte “Geschmack von Rost und Knochen” nicht enttäuscht. Und ohne die Kulturkritik wäre mir der Film im Meer der Blockbuster vielleicht entgangen.

Die Entlassung der Kritiker beim Independent ist eine Bankrotterklärung, deren Botschaft mich erschreckt: Wir brauchen Kultur nicht. Wir brauchen keine Menschen, die über den Tellerrand schauen, die in die Tiefe schauen, die nach Wahrhaftigkeit im menschlichen Dasein suchen, die menschliches Treiben hinterfragen. Wir brauchen keine Kritiker, keine Denker, keine Künstler. Niemanden, der das System hinterfragt. Puh, mir wird ganz schwindlig davon.

Wenn das so weiter geht, bleiben wirklich nur die Kakerlaken und Vampirromane. Wie gruselig.

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