Ein Gespräch unter Freunden

© jennys bücherecke

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Es ein sehr persönliches Buch, eines, das einen mitten hinein zieht in eine dramatische Familiengeschichte, wie es sie so viele in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, nach den Verbrechen der Nazis gibt. Das Erstaunliche aber an Adriana Altaras’ Roman “Titos Brille” ist, das er daherkommt wie ein Gespräch unter guten Freunden. Das deutet sich bereits im Untertitel “Die Geschichte meiner strapaziösen Familie” an.  Es sind persönliche Anekdoten, die sie dem Leser anvertraut, es ist ihre Sichweise auf die Ereignisse, die sie niedergeschrieben hat.

 Adriana Altaras ist eigentlich Schauspielerin und Regisseurin – und sie ist Jüdin. Ihre Eltern sterben, erst ihr Vater, dann ihre Mutter: Sie muss sich um den Nachlass kümmern, muss die Wohnung in Gießen auflösen, sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen und der Tatsache, dass sie neben einer Halbschwester wohl auch noch einen Bruder hat. Sie muss sich mit der Bürokratie, der deutschen und der kroatischen auseinandersetzen. Das alles geht nur mit Humor. Diese Haltung macht das Buch so wunderbar.

 Adriana Altaras hat es nicht nötig, eine künstliche Dramaturgie zu schaffen, in dem Leben ihrer Eltern und damit auch in ihrem steckt genug Drama, das einen niederdrücken kann. Ihre Eltern stammen aus Kroatien, sie sind über Italien nach Deutschland geflohen. Adriana Altaras beginnt mit der Geschichte von ihrem Vater, dem Helden, der Titos Brille reparierte und vierzig Kinder nach Italien in Sicherheit brachte – und ihren Zweifeln am Wahrheitsgehalt der titelgebenden Familienlegende. Dahinter steckt eine grundsätzliche Frage: Ist jemand, kann jemand, der Heldenhaftes tut, in allem unfehlbar sein? Nein, das kann kein Mensch. Aber das ist in Ordnung, ebenso wie Geheimnisse – nicht alle müssen gelüftet werden.

Sie erzählt von ihrer Kindheit zwischen Italien und Deutschland, sie erzählt vom beruflichen Erfolg ihres Vaters, von der Besessenheit ihrer Mutter, alle Orte in Hessen zu finden, an denen einst Juden gelebt haben. Sie erzählt von den Debatten mit ihrem Freund Raffi, der nicht verstehen will, wie sie einen Deutschen heiraten konnte, der einfach kreuzunglücklich ist und dennoch nirgendwo anders leben will als in Deutschland. Sie erzählt von der Bar-Mizwa ihres Sohnes und den Schwierigkeiten, eine solche zu organisieren. Sie erzählt von ihrem Umgang mit der Trauer und ihrer Irritation darüber, dass ihre Schwester so anders damit umgeht.

 Wie sich das für eine Plauderei unter Freunden gehört, legt sie ihr eigenes Gefühlsleben offen, erzählt sie nicht stringent, sondern springt zwischen Zeiten und Orten. Sie erzählt mit viel Wärme und Witz von ihrer Familie. So wirkt ihr Buch erstaunlich heiter und unterhaltsam – gerade das macht es so gut, dass sie sich fernhält vom staatstragenden Ernst. Dass sie sich ganz auf die Geschichte ihrer Familie konzentriert, dass sie keine allgemeingültige Wahrheit erzwingen will. Das Nachdenken kommt von allein: So oft man auch bei der Lektüre auch schmunzeln muss, fragt man sich doch, wie entwurzelt man sich fühlen kann, wie viel Antisemitismus noch in Deutschland herrscht.

 Adriana Altaras, Titos Brille, Fischer Taschenbuch Verlag

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