Ein glückloses Leben

Als ich mit Benjamin Button begann, war mein erster Gedanke ein ketzerischer: Wie zum Henker soll die arme Mrs. Button dieses Ungetüm von einem Baby-Greis aus sich heraus gepresst haben? Und das soll sie auch noch überlebt haben?! Gut, darum geht es in der Erzählung von F. Scott Fitzgerald nicht. „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ beginnt kurz vor dem amerikanischen Bürgerkrieg und ist ein Spiegelbild dieser Zeit. Die Frauen spielen keine Rolle, nicht einmal im Leben ihrer Söhne. Mrs. Roger Button bringt ihren Sohn zur Welt, den ersehnten Stammhalter ihres Mannes. Eine weitere Rolle ist ihr nicht zugedacht. Allein Vater und Sohn reiben sich aneinander, finden keinen Weg zueinander.

Von dem Augenblick an, als Benjamin das Licht der Welt erblickte und nicht der Norm entsprach, so offensichtlich anders war, war er eine Enttäuschung für den Vater. Wohl auch für die Mutter. Schon vor dem Krankenhaus wird Mr. Button vorgehalten, dass diesen außer der Norm fallenden Sohn zu zeugen, ein Skandal sei, der nicht nur den Ruf der Familie, sondern auch den der Klinik gefährde. Benjamin Button wird als Greis geboren. Im Gegensatz zu Max Tivoli besitzt Benjamin auch das Bewusstsein eines alten Mannes. Er ist kein greises Baby, sondern er kann laufen, reden, sehen. Allerdings fehlen ihm die Erinnerungen, die Erfahrungen eines langen Lebens, um aus ihm wirklich einen alten Mann zu machen.

Benjamins Mutter ist nicht die einzige Frau, die nicht mehr als eine Nebenrolle erhält: Auch seiner großen Liebe ist mehr nicht zugedacht. Hildegunde ist die erste, die ihn liebt, wie er ist. Und doch ist sie wie alle anderen: Sie kann seinen Rückwärtsgang nicht aushalten, nicht ertragen, dass er immer jünger und sie immer älter wird, dass er anders ist, nicht die gesellschaftlichen Konventionen erfüllt. Darum kreist Fitzgeralds Erzählung, wie Benjamin mit seinem Anderssein aneckt, nicht reinpasst und ihm auch kein Platz gelassen wird. Dabei bleibt Ftzgerald in kritischer Distanz zu seinem Helden. Natürlich erwacht das Mitgefühl des Lesers, wenn Mr. Button seinen ausgewachsenen Sohn unbedingt in die Kindrolle zwingt, die Benjamin zu dem Zeitpunkt nicht behagt. Aber Fitzgeralds Erzählung ist eben mehr als eine Gesellschaftskritik, sie ist gleichermaßen die Fallstudie einer missglückten Sozialisation. Benjamin erfährt keine Liebe, keine menschliche Nähe, so wird er unfähig zu lieben. Er zeigt ähnlich geringes Interesse an seinem Sohn, wie sein Vater an ihm hatte. Vom Tag seiner Geburt an ist Benjamin zu einem glücklosen Leben verdammt. Sein einziges Glück ist, dass er es zum Ende vergisst, dass er im säuglingshaften Unbewusstsein versinkt. Fitzgerald bewahrt bei alledem einen nüchternen Ton, der das Buch umso eindringlicher macht. Am Ende war ich dankbar, dass mein Leben in die herkömmliche Richtung verläuft. Macht es weniger einzigartig, aber auch deutlich weniger tragisch.

 F. Scott Fitzgerald, Der seltsame Fall des Benjamin Button, Diogenes

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