Eine Überdosis Ironie

„Wie durch ein Wunder war dennoch zum Redaktionsschluss abends um zehn jede Zeile jeder Spalte voll, aller Herzraserei und Flucherei in letzter Minute zum Trotz. Textredakteure standen nach Stunden zum ersten Mal wieder von ihrem Platz auf, zogen die gemarterten Schultern zurecht, atmeten versuchsweise auf.“

Wer leidenschaftlicher Zeitungsleser ist und das Bild eines idealistischen, stets kritischen Journalisten, der gegen die Ungerechtigkeiten der Welt anschreibt, pflegt, sollte die Finger von Tom Rachmans Roman „Die Unperfekten“ lassen. Rachmann deckt eine Journalisten-Welt voller Egomanen, Karrieristen und Kleingeister auf.

Rachmans Einblick in die Zeitungswelt ist aufgebaut wie ein Episodenfilm, deren roter Faden eben die Zeitung ist. Und in derem Universum sich einige merkwürdige Gestalten tummeln, die sehr wenig mit dem Ideal des unbestechlichen, stets der Wahrheit nachspürenden Reporters gemein haben. Rachmans Roman begleitet eine Zeitung, von ihrer Gründung bis zu ihrem Niedergang. Doch im Mittelpunkt stehen die Figuren, die tagtäglich die Zeitung machen. Der abgehalfterte Auslandskorrespondent, der so verzweifelt ist, dass er eine Geschichte erfindet, weil er nichts Berichtenswertes mehr aufspürt. Eine bemitleidenswerte Gestalt, ausgelaugt und aller Illusionen und Antriebskraft beraubt. Zermürbt. Dann ist da der Nachrufeschreiber, der unzufrieden mit seiner Existenz ist, der sich zu Höherem berufen fühlt, der aber lange braucht, bis er sich aus dem übermächtigen Schatten des Vaters löst, bis er seinen Hintern hochkriegt. Doch auch für ihn habe ich wenig Sympathien entwickelt. Wirklich gemocht habe ich nur Herman Cohen, den Chef-Korrektur. Ein Pendant mit einem untrüglichen Gespür für Sprache. Einer mit Überzeugung, einer, der gnadenlos unsinnige Kürzel und Phrasen wie GWOT (Global War On Terror) streicht, der eine lesenswerte Zeitung will. Sympathisch aber macht ihn erst seine uneingeschränkte Bewunderung für den Jugendfreund, den er für einen begnadeten Schreiber hält, der sich letztendlich als lausig entpuppt. Und der auch nie schreiben, aber auch den Freund nicht vergrätzen wollte und deswegen geschwiegen hat.

Angst und bange wird einem, wenn man die Episode von Ruby Zaga, Textredakteurin. Ein erschreckend einsame, kleingeistige, verbiesterte Frau, die dermaßen unglücklich ist mit ihrem Leben, dennoch nichts daran ändert, die Änderung muss erst wie alles andere von außen an sie herangetragen werden. Erst dann fühlt sie sich frei. Gruselig. Und da steckt auch der Hase im Pfeffer, Rachmans Roman lässt mächtig nach. Am Anfang packt er einen, ungeduldig habe ich Seite um Seite gelesen, habe ich Gestalten und Situationen wiedererkannt, habe ich mich köstlich amüsiert, wie er den Redaktionsalltag seziert. Doch zum Ende hin werden die Figuren, werden die Geschichten einfach nur bitter. Schon bei der Chefredakteurin Kathleen Solson lässt der Spaß nach, das geht in Ordnung, sie ist karriereversessen, ichbezogen. So, wie man sein muss, wenn man hoch hinaus will. Auch in der Medienbranche, das ist die bittere Wahrheit. Und sicherlich kein Geheimnis. Doch die Figuren werden immer weniger menschlich, sie sind eigentlich nur noch Überspitzungen, das zerstört das Lesevergnügen vom Anfang. Es ist, als starrt man zu lange auf das eigene im Spiegelkabinett verzerrte Gesicht, es ist lustig, für einen Augenblick, aber die ganze Welt dauerhaft in dieser Verzerrung wahrzunehmen, strengt an. Es bleibt einfach nichts übrig, als diese Verzerrungen.

Keine Frage, Rachman, Jahrgang 1976, hat ein tolles Gespür für großartige Figuren, und als einstiger AP-Auslandskorrespondent und Herald-Tribune-Redakteur weiß er, wovon er schreibt. Sein ironischer Blick auf eine Branche, in der so unterschiedliche Charaktere aufeinander prallen, ist umwerfend. Doch die Satire, die er geschrieben hat, ist zu guter Letzt nur noch bierernst und todtraurig. Der trottelige Verleger, der mit Zeitung und Geschäft nichts am Hut hat. Miss Buchhaltung, die in ihrer Einsamkeit nicht merkt, welch ein bösartiges Spiel mit ihr getrieben wird. Und dieser kleinkarierte Redakteur, der dieses Spiel spielt. Nur noch Abgründe. Und kein bisschen Licht. Rachmans Roman ist ein wenig aus der Balance geraten. Das ist schade. Vielleicht aber war es auch seine Absicht, vielleicht sieht er keine Hoffnung für eine Branche, die derlei verdrehte, egozentrische Gestalten anzieht. Dann kann ich nur sagen: Mission erfüllt. Nur behagt mir der Nachgeschmack nicht. Ich glaube an Zeitung, daran, dass sie nicht ausstirbt, dass es immer Menschen geben wird, die lesen wollen, was in der Welt passiert, und dass es immer Menschen geben wird, die anderen berichten wollen, wie die Welt ist, was außerhalb ihres kleinen Universums passiert. Und ich bin gespannt, wie sich der Schriftsteller Rachman entwickelt. Dass er unvergessliche, liebens- und hassenswerte Figuren zu schaffen weiß, hat er bewiesen, ebenso, dass er Atmosphäre erzeugen kann, dass er den Leser einfangen kann. Doch was passiert außerhalb der Zeitungswelt, kann er darüber schreiben?

Tom Rachman, Die Unperfekten, Deutscher Taschenbuch Verlag

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