Ein Schmachtfetzen für Erwachsene

Dieses wehmütige Gefühl kennt ihr bestimmt, das einen erfasst, wenn man die letzte Seite eines Buches umblättert, von dem man nicht wollte, das es so bald endet. Weil es einen einfach glücklich gemacht hat. So ist es mir bei „Die Seelen der Nacht“ von Deborah Harkness ergangen. Ein Glück, dass sie ihren Vampir-Hexen-Roman gleich in drei Bänden angelegt hat. Pech für mich, dass noch nicht mal alle drei bereits auf Englisch erschienen sind.

Wer jetzt denkt, oh Gott, bloß nicht noch einer von diesen vampirbefüllten Schmachtfetzen, der sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen. Denn genau das ist Harkness’ Roman und nichts anderes will er sein. Harkness’ erster Roman ließe sich am einfachsten als Twilight für die der Pubertät entwachsenen Leser bezeichnen. Die sind in der überwältigenden Mehrheit weiblich, aber weil ich denn doch niemanden ausschließen will, belasse ich es beim geschlechtsneutralen Plural.

Damit tut man der amerikanischen Autorin andererseits ein wenig Unrecht. Denn in „Die Seelen der Nacht“ steckt so viel mehr! Natürlich weiß man von ihrer ersten Begegnung an, dass Diana Bishop und Matthew Clairmont zueinander finden. Ihre verbotene Liebe ist der Auslöser für die kommenden Ereignisse. Sie sind nicht allein Romeo und Julia wegen Dianas zerbrechlich menschlichen Körpers, sondern weil ein Tribunal – die sogenannte Kongregation – vor vielen Jahrhunderten beschlossen hat, dass sich die drei übernatürlichen Spezies Hexen, Vampire und Dämonen nicht mischen dürfen. Dann gibt es noch diese sagenhafte Manuskript, nach dem die übernatürlichen Kreaturen seit vielen Jahren suchen und das sie jeweils für sich beanspruchen. Ausgerechnet Diana, der Hexe, die sich von der Magie abgewendet hat, gelingt es, an diese Handschrift zu kommen. Damit beginnt der Ärger: Nun sind Vampire, Hexen und Dämonen hinter ihr her. Und dann ist da noch Matthew, der geheimnisvolle Vampir, der ihr auf Schritt und Tritt folgt. Die Wissenschaftlerin, die sich mit alchemistischen Schriften beschäftigt, muss erkennen, dass ihr Plan, nach dem frühen und grausamen Tod ihrer Eltern – beides Hexen – die Magie aus ihrem Leben zu verbannen, nicht funktioniert.

Harkness’ Vampire haben wie zurzeit üblich wenig gemein mit den gruseligen Gestalten früherer Schauerromane. Sie zerfallen in der Sonne nicht zu Staub, leben nicht allein von Menschenblut, sie betreten Häuser ohne ausdrückliche Einladung der menschlichen Bewohner, sie haben ihre eigenen Regeln, einen überzogenen Beschützerinstinkt und sind ungesund besitzergreifend. Ansonsten ist Matthew ein ganz stattliches, zwei Meter großes Exemplar der männlichen Gattung. Harkness bleibt auch dem sich mittlerweile eingebürgerten Motivs des vermeintlichen Mauerblümchens treu: Diana legt wenig Wert auf eine modische Garderobe, auf Schminke steht sie ebenfalls nicht sonderlich, ihre Nase findet sie etwas groß, ihre blonden Haare hält sie für eigensinniges Gestrüpp, doch keineswegs für eine ansprechende Zierde.

Erfrischenderweise definiert sich Diana nicht über ihr Äußeres, sondern über ihre akademischen Meriten. Sie zweifelt also nicht, dass sie nicht gut genug für Matthew wäre. Auch das ist erfrischend. Überhaupt geizt Harkness nicht mit unterhaltsamen, überraschenden und ungewöhnlichen Einfällen. Ihre Vampire essen, allerdings mögen sie keine verkochten Sachen, die schmecken grausig. Sie lieben Wein, trinken ihn fast so gern wie Blut, das übrigens durch Adrenalin noch schmackhafter, geradezu unwiderstehlich für Vampire wird. Ihre Hexen sind nicht minder mächtige Wesen, sie können in die Zukunft sehen, fliegen (ganz ohne Besen), schimmern vor Elektrizität und zu Wasser werden. Sie stehen mit der römischen Göttin Diana im Bunde. Und sie können durch die Zeit wandern.

Was Harkness’ Roman so wunderbar macht, ist der Umstand, dass man ihm anmerkt, wer ihn geschrieben hat: eine Professorin für Europäische Geschichte und Wissenschaftsgeschichte. Ihr Buch steckt voller historischer Querverweise. Sie greift unter anderem die Suche der Alchemisten nach dem Stein der Weisen auf, sie zitiert aus mittelalterlichen Handschriften und alte Philosophen wie Giordano Bruno. Sie versteckt Dianas Einzigartigkeit in ihrer DNA und lässt sie von Matthew entschlüsseln. Es war einfach ein unglaublicher Spaß, all diese Sachen zu lesen und ein guter Kontrast zur James-Meek-Kost. Ich freue mich schon auf die Vorsetzung und bete inständig, dass Harkness dieses Niveau halten kann.

Deborah Harkness, Die Seelen der Nacht, Blanvalet

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