Zwischen stumm und sprachlos

Das Erste, was mir zu Hanns-Josef Ortheils Magnum opus „Die Erfindung des Lebens“ einfällt: Straffen! Damit tue ich dem Roman allerdings unrecht. Es ist ein gutes Buch mit einer unglaublichen, berührenden Geschichte, die man nicht so leicht vergisst. Aber es war ein gewaltiges Stück Arbeit, den Roman zu Ende zu lesen. Das finde ich schade, dass diese Anstrengung meinen Eindruck so überschattet, dass eben mein erster Gedanke kein Kompliment für Ortheils Werk ist.

„Die Erfindung des Lebens“ ist Ortheils literarische Aufarbeitung seiner Kindheit und Jugend. Es ist die Wahnsinnsgeschichte eines sprachlosen Jungen, der zum Schriftsteller wird – nicht zu irgendeinem, sondern zu einen der bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart. Der Roman beginnt mit einem stummen Jungen, der eigentlich nicht stumm ist, sondern nur nicht spricht – wie seine Mutter, mit der er in einer vertrackten symbiotischen Beziehung feststeckt, die für beide Seiten nicht gesund ist. Diese ersten Seiten packen den Leser, ziehen ihn mittenhinein ins Drama auf der Suche nach der Ursache für das Stummsein der Mutter. Als der Junge in der Schule scheitert, zieht sein Vater die Notbremse: Er reißt Mutter und Sohn auseinander. Dies ist der Beginn der Emanzipation des Jungen, er findet zur Sprache. Aber ist längst kein natürlicher Prozess mehr, diesem Alter ist der Junge bereits entwachsen, mühsam muss er sich Wort für Wort einverleiben. Das ist der zutiefst berührende Teil des Romans.

Das Irrwitzige daan ist seine Erzählkonstruktion. Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Autor einen Ich-Erzähler etabliert, der auf die Vergangenheit zurückblickt. In Ortheils Fall hockt der erwachsene, zum Schriftsteller gereifte Johannes in Rom, um seine Geschichte niederzuschreiben, bändelt mit seiner Nachbarin an, gibt deren Tochter Klavierunterricht und wird eingeholt von den Erinnerungen an seine römischen Studienjahre, als sein Lebensplan noch vorsah, Pianist zu werden. Diese Zeitsprünge sind an sich unproblematisch, wenn nur nicht der Ich-Erzähler so versessen darauf wäre, dem Leser jedes Mal unter die Nase zu reiben, dass er ihn just in diesem Moment beim Niederschreiben über die Schulter schaut, quasi Zeuge des Schaffensprozesses ist. Das nervt einfach nur – zumindest mich. Diese Passagen waren auch der Grund dafür, dass ich den Roman immer mal wieder zur Seite gelegt habe. Oder ich manchmal nach zehn Seiten schon wieder genug hatte. Sie haben es mir unheimlich schwer gemacht, richtig einzutauchen.

Immerhin beweist der Ich-Erzähler von Anfang an, dass auch dem isolierten, in seiner Interaktion mit anderen Menschen ein wenig autistisch anmutenden Jungen etwas geworden ist, dass er nicht an seiner Vergangenheit zerbrechen wird. Die meiste Aufmerksamkeit erhält die Kindheit, in wenigen Sprüngen über Jugend und Studium in Rom kommt der Erzähler in seiner Gegenwart an.

Eine gewichtige Rolle im Leben des Jungen spielt neben der Sprache, die er zunächst ja nur versteht, aber nicht benutzen kann, die Musik. Genauer, das Klavier. Johannes entpuppt sich als talentierter Pianist mit einer Vorliebe für Schumann. Es ist eine ungewöhnliche Geschichte, absolut lesenswert. Ortheil zeigt, wie wir durch unsere Kindheit, unseren ersten Erfahrungen geprägt werden, welches Wunder die Fähigkeit zu sprechen ist. Dass sie nicht selbstverständlich ist. Und wie beschränkt wir in unserer Identität sind, wenn sie uns nicht zur Verfügung steht.

 Hanns-Josef Ortheil, Die Erfindung des Lebens, Luchterhand

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in gelesen und getagged , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>