Ein ungewöhnlich gewöhnliches Leben

“William Stoner kannte die Welt jedoch, wie sie nur wenige seiner jüngeren Kollegen kannten. Tief drinnen, tiefer als sein Gedächtnis reichte, war das Wissen um Hunger und Not, Ausdauer und Schmerz verborgen.”

© jennys bücherecke

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“Stoner” ist die Geschichte einer Erweckung. Sie ist es, die den Stoff erst zu einem literarischen macht, denn von außen betrachtet lebt dieser William Stoner ein ziemlich gewöhnliches Leben. Er studiert – immerhin als Erster in seiner Familie, wird Dozent für englische Literatur, heiratet, schlägt sich mit Geldsorgen und Kleinkriegen im Universitätsalltag herum, wird Vater, hat eine Affäre.  Alles ganz gewöhnlich – und dennoch hat John Williams daraus einen faszinierenden süffigen Roman geschrieben, der über Jahre in der Versenkung verschwunden war, 2006 in den USA wiederentdeckt wurde und nun durch die deutschen Bestsellerlisten geistert. Und das keineswegs unverdient.

John Williams zeichnet die großen Momente in einem kleinen Leben nach. Das kann durchaus spannender sein als das bedeutende, die Geschichte verändernde Schicksal. Stoner hinterlässt keinen Fußabdruck auf dem Mond, er bleibt ein paar Studenten, Kollegen, seiner Familie und seiner Geliebten in Erinnerung.

Stoners Erweckung ist die Liebe zur Literatur, die er ganz unverhofft an der Universität entdeckt. Dorthin schicken ihn seine Eltern. Agrarwissenschaften soll er studieren und dann die Farm übernehmen und voranbringen. Zum Pflichtprogramm gehört aber auch ein Einführungskurs in englischer Literatur, geleitet von einem scheinbar missmutigen und desillusionierten Archer Sloane. Er fordert seine Studenten heraus. Das zeigt Wirkung bei Stoner, der in sprachloses Staunen verfällt, als die vermeintlich unnütze Literatur ihn in seinem Innersten berührt. Sie ist die Liebe seines Lebens, ihr widmet Stoner alles. Auch Jahrzehnte später versetzt sie ihn noch in Erstaunen. In diesem Moment verlässt er den von seinen Eltern vorgezeichneten Pfad.

Aber er bleibt ein Mensch, der irrt, zaudert – eben ganz gewöhnlich. Sein größter Irrtum: seine Liebe zu Edith, dieser ätherischen, fragilen Schönheit des fin de siècle. Dem Thomas-Mann-Leser schwant nichts Gutes. Eine Zeit lang genießt auch Edith das Mitgefühl des Lesers, ist es doch nicht ihre Schuld, sondern die ihrer Erziehung. Die Etikette, in der sie aufgezogen wird, sieht keine Lebensfreude, keine Leidenschaft vor.  Es ist eine traurige Ehe. Letztlich berührt das Stoner aber gar nicht so sehr, er hat ja seine Studenten, seinen Studien, die Literatur. Selbst Töchterchen Grace oder seine Geliebte können nicht ernsthaft an der Rangfolge rütteln. Auch spielt Stoner irgendwann bei den Ränkespielen an der Uni mit, doch nicht um aufzusteigen. Mit seiner Schilderung des Uni-Betriebs liefert Williams eine akademische Seifenoper ab: Auch in der Welt des Geistes geht es mitunter kleingeistig zu. Es gibt Intrigen, Günstlinge, die unter dem Schutz des Fachbereichsleiters stehen, und private Enthüllungen, die Karrieren bedrohen. Es ist das Leben, wie es so spielt und was wir daraus machen. Und das hat Williams in einen großartigen Roman gegossen. Gebannt folgt man Stoner von der Farm an die Uni, durch seine Ehe, freut sich mit ihm über sein spätes Liebesglück und seine kleinen Siege.  Stoner ist ein sympathischer Kerl, den man gern kennenlernt und mit Bedauern gehen sieht. So verzieht man ihm seine Irrtümer, sein Zaudern, denn keiner von uns ist frei davon.

John Williams, Stoner, Deutscher Taschenbuch Verlag

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