Ein unverwüstlicher Star

“Ich mag es aber nicht, mit einer Handlaterne verwechselt zu werden. Es verlangt Entschlossenheit, mich strahlen zu lassen, Zugriff, Mut, Begeisterung. Die Arbeit, die bei ihren Jagden die Hundemeute erledigt, musste mein Cellist schon selbst tun.”

 Oh Mara, ich bin erfüllt von Sehnsucht. Mara, ich muss dich sehen, ich muss dich berühren, ich muss dich hören. Mara? Welche Mara?, fragt Ihr Euch jetzt. Weit gefehlt, Mara ist ein Cello, ein ziemlich bedeutsames und wertvolles Cello. Antonio Stradivari stellte es 1711 in Cremona her, Wolf Wondratschek machte es zur Hauptfigur seines Romans “Mara”. Und The Mara besteht darauf, nicht weiblichen Geschlechts zu sein, auch wenn seine Gestalt an die einer Frau erinnert, ebenso wie der Umstand, dass es sich der Cellist zwischen die Beine klemmt.

Wondratscheks Werk, erschienen 2003, ist im Grunde ein Künstlerroman, doch als Erzählperspektive wählt er nicht einen Künstler, sondern das Werkzeug der Kunst: das weltberühmte Cello. Und er gibt The Mara einen frechen, lebensklugen Charakter, der das Treiben der Menschen durch drei Jahrhunderte mal liebevoll, mal kopfschüttelnd, mal erzürnt beobachtet. Und Wondratscheks Roman ist ein zauberhaftes Buch über Musik – ähnlich poetisch und anschaulich wie Ortheil schreibt er über die Magie der Musik. Gleichermaßen ist Wondratschecks Buch ein Schelmenroman. Das schelmische Cello trotzt über die Jahrhunderte den exzentrischen, den besessenen, den jähzornigen und den stümperhaften Künstlern, es trotzt eifersüchtigen Geliebten, verliert Künstler an die Frauen und wird wiedergeboren.

Mara ist es selbst unheimlich, welchen Starkult die Menschen um die Stradivari-Geschöpfe entwickeln, aber das Cello ist nicht dumm, erst dieser Hype garantiert ihm sein langes Leben – und seine Wiedergeburt, denn das Cello säuft in seinem langen Leben sogar buchstäblich ab. Also beschwert sich The Mara nicht über die steigenden Preise und das ehrfürchtige Raunen, mit dem sein Vatersname ausgesprochen wird.

Und dieses kultbeförderte Leben ermöglicht es Wondratschek, diese ungewöhnliche Perspektive zu wählen, die ihn des Dilemmas enthebt, sich nur einem Künstlertypen widmen zu können. Denn Künstlern begegnet Mara einigen – und sie haben alle eines gemein: Sie sind alle mehr oder weniger durchgeknallt. Der Perfektionist Pezze verzweifelt fast daran, dass er dem Cello nicht den noch unentdeckten Klang entlocken kann.

Urkomisch ist Maras Klage über die technisch perfekten Engländer, die ansonsten aber dröge sind, denen es an Leidenschaft mangelt. Sie sind dem Cello zu vernunftbegabt und kontrolliert. Und obwohl die Gesellschaft des namengebenden Cellisten Mara mehr einem Ritt auf der Rasierklinge glich, weiß das Instrument die genialen Momenten zu schätzen. Seine Devise lautet: Künstler müssen sich die Hände schmutzig machen wollen, sie müssen das Leben spüren wollen. Technik allein macht keinen Virtuosen. Das klingt auch ein bisschen nach Abrechnung mit den Wunderkindern, die in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder gehypt werden, deren Spiel es aber an Seele, an Passion, an Leben fehle.

Doch wie bei allem geht es auch in der Musik um die Balance: Bei seiner Reise durch Zeit und Raum begegnet Mara dem Cellisten Anthony Pini, der einen weiteren Typus darstellt. Pini ist vom Ehrgeiz zerfressen, er will hoch hinaus und spielt sich dabei um seine Gesundheit. Zum Glück für Mara landet das Cello nach dem Schiffsunglück in den sorgsamen Händen des Österreichers Heinrich Schiff, der wohl noch heute das Cello spielt.

Auf Maras Weg erfährt man nebenbei ein paar irritierende Details aus der Musikgeschichte, so waren die Saiten früher aus Tierdarm, wobei sich nicht alle eigneten. Und wollte sich ein Geiger mehr Gehör verschaffen, griff er zum Bratschenbogen, der dem Instrument wohl kräftigere Töne entlockte.

Ich bin immer noch ganz beschwipst von diesem leichtfüßigen Leseerlebnis. Ernsthaft, vergesst Thomas Manns Schreiben über die Musik, das hier ist besser – und macht irgendwie glücklicher.

 Wolf Wondratschek, Mara, Carl Hanser Verlag

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