Ein verschenkter Held

Vielleicht werde ich „Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli“ eines Tages lesen, dabei werde ich aber wohl Jan Josef Liefers im Ohr haben. Er liest die Hörbuchfassung von Andrew Sean Greens Roman. Das macht er eindrucksvoll. Allerdings verhinderte auch seine angenehme Stimme nicht, dass ich zu Greens unglaublicher Geschichte auf Distanz blieb.

„Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli“ ist im Grunde ihres Herzens eine Liebesgeschichte, was per se nichts Schlechtes ist. Doch ist es schade um diesen einzigartigen Helden, den Green erschuf. Dieser Max Tivoli, der von alten Mann zum Kind wird, also das Leben anders herum lebt, hätte ein Oskar Matzerath werden können. Er hätte den Leser durch seine einzigartige Sicht auf die Welt erleuchten können. Doch die Erkenntnis bleibt über der Liebesgeschichte auf der Strecke. Fraglos steht Max’ Liebe zu Alice von Anfang an unter schlechten Vorzeichen. Als sie sich kennenlernen, ist die ein junges Mädchen, er aber trägt das Gesicht eines Mannes mittleren Alters, in das sich Alices Mutter verliebt. Dieser Konflikt ist einer der wenigen Momente, in denen man das Potential erahnt, das hinter Max’ Schicksal steckt. Das Kind in Greisengestalt steht von Geburt an außerhalb, doch Max ist nicht ansatzweise so hellsichtig wie Oskar. Das ist schade. Green schaut nur von der Straße durchs Fenster, statt ernsthaft hinter die Fassade. Dafür lässt Green Max zu sehr um sich und Alice kreisen, so bleibt selbst Hughie, Max’ bester Freund, eine Randfigur, obwohl seine Liebe zu Max eine außergewöhnliche und herzzerreißende ist. Obwohl gerade sein Leben, das ebenso im Verborgenen stattfindet, mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Selbstverständlich ist es tragisch, dass sich Max seiner Liebsten in den verschiedenen Abschnitten ihres Lebens stets unter anderem Namen nähern muss, dass sie nicht weiß, wie lange sie einander tatsächlich verbunden sind. Doch Max’ fixe Idee namens Alice macht die Geschichte ziemlich einseitig.

Warum also überlege ich, den Roman zu lesen? Nun, mir ist der Gedanke gekommen, dass die Hörbuchfassung einiges an Zwischentönen und Nebenhandlung weggelassen hat. Um das zu ergründen, müsste ich also den Roman lesen. Noch bin ich aber nicht so weit, es noch einmal mit Max’ Besessenheit aufzunehmen.

Mit all dem will ich nicht sagen, dass „Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli“ ein schlechter Roman ist. Stellenweise ist er anrührend poetisch, manchmal auch etwas schwülstig. Aber er ist unterhaltsam, birgt für den einen oder anderen Leser durchaus Suchtpotential. Er hat eben nur meine Erwartungen an seine unglaubliche Geschichte nicht erfüllt, er hat mich nicht umgehauen, wie es den Oskars von Günter Grass und Jonathan Safran Foer gelungen ist.

 Andrew Sean Green, Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli, Argon Hörbuch

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