Ein Weltverbesserer scheitert

Ein Appell: Lasst euch nicht verführen! Befreit euch aus dem Konsumwahn! Fangt an, zu denken! “Die Welt, wie Larry sie sieht” ist ein Jugendbuch mit einem deutlichen Anliegen: Es will die Leser dazu anregen, übers eigene Konsumverhalten nachzudenken, ein bisschen abzurücken vom weit verbreiteten Besitz- und Markendenken. Ein durchaus hehres Anliegen, dass die amerikanische Autorin Janet Tashjian da in eine Geschichte gepackt hat, der sie den Anschein von Authentizität verpasst hat. So lässt sie Josh Swensen seine Geschichte selbst erzählen – ein gängiger literarischer Kniff. Um jeglichen Verdacht auf Fiktion auszumerzen, hat sie Joshs Erzählung eine Vorbemerkung vorangestellt, in der sie berichtet, wie ihr ein Junge ein Manuskript überreicht. Jugendliche Leser stören sich an der übertriebenen Konstruktion wohl weniger, den erwachsenen Leser nervt es hingegen. Ist man darüber hinweg, kann man sich getrost auf den Weltverbesserer einlassen.

 Josh ist der typische amerikanische High-School-Außenseiter, wie man ihn aus zahllosen Filmen und Serien kennt. Er ist hochbegabt, eigenbrötlerisch und schüchtern. Josh ist verliebt in seine beste Freundin Beth – seit der sechsten Klasse. Und Josh hat seine Mutter verloren. Kurzum, Josh ist ein sympathischer Siebzehnjähriger, den man sofort ins Herz schließt. Und Josh möchte die Welt verbessern – vielleicht aber auch nur Beth beeindrucken, dafür legt er sich jedenfalls ein Pseudonym zu und richtet eine Website ein, auf der er predigt gegen den überbordenden Konsumrausch der westlichen Welt, gegen Umweltzerstörung, gegen die Ungleichverteilung des Reichtums, gegen den Starkult. Sein Alter Ego Larry wird so selbst zum Star, viele junge Leute lesen seine Predigten, gründen Fanclubs und starten eigene Aktionen, um Larrys Botschaft zu verbreiten. Auch Beth mischt mit und überredet Josh, in seinem eigenen Fanclub einzusteigen.

 Joshs Website erreicht eine Popularität, die die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zieht – was vor zehn Jahren, als der Roman erschienen ist, noch deutlich einfacher war als heute. Das ist der Punkt, an dem Janet Tashjian noch etwas Medienkritik darunter mischt. Larrys Leser betagold macht es sich zur Aufgabe, seine wahre Identität zu enthüllen, denn die Welt habe ein Recht zu erfahren, wer hinter den Predigten steckt. Betagold entpuppt sich als ehrgeizige, bereits angegraute Journalistin, die ohne mit der Wimper zu zucken, das Leben eines Siebzehnjährigen an die Öffentlichkeit zerrt. Alles im Namen der Wahrheit. Doch eigentlich geht es ihr nur um ihren eigenen Ruhm, ihre Anerkennung. Dass sie selbst eine Heuchlerin ist nach den Maßstäben, die sie kund tut, kommt ihr nicht in den Sinn. Ich weiß, dass diese Medienkritik durchaus berechtigt ist, doch kommt sie mir zu plakativ und einseitig daher. Wenn Medienschelte betrieben wird, richtet sie sich in der Regel gegen den sensationshungrigen Boulevard-Journalismus, doch gibt es immer noch andere, ernsthafte Journalisten – aber diese werden wohl immer weniger wahrgenommen.

Kurzum, Tashjian stopft einen Haufen Themen in ihren Roman, dabei bleibt ein bisschen was auf der Strecke. Sie steckt viel Aufmerksamkeit in Josh, darin, seine Botschaft zu erklären, doch die anderen Figuren – allen voran Joshs beste Freundin Beth – bleiben blass, über ihre Motivation lässt sich nur rätseln. Weniger dick aufzutragen und dafür den Figuren etwas mehr Raum zu geben, hätte dem Roman sicherlich gut getan. Spannend und lesenswert ist er aber allemal, auch trotz der Messias-Komponente, die Tashjian mit den den einzelnen Teilen vorangestellten Bibelzitaten über Gebühr betont. Josh verbreitet eine Botschaft, die viele Anhänger findet, er wird verfolgt, muss stürzen und wiederauferstehen, um seine Botschaft weiter zu verbreiten. So viel zum Dickauftragen. Wie gesagt, hat das Buch ein hehres Ansinnen, und wenn es jugendliche Leser – oder auch ältere – dazu verleitet, über ihre Besitztümer und ihren Lebenswandel nachzudenken und zu der Einsicht gelangen, dass sie nicht den neuesten iPod brauchen, weil ihr alter es noch tut, dann ist schon viel gewonnen.

 Janet Tashjian, Die Welt, wie Larry sie sieht, Cecilie Dressler Verlag

P.S. Das Buch wird derzeit nicht mehr verlegt, aber Ihr kommt gut übers Internet dran. Oder vielleicht sogar im Antiquariat vor Ort.

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2 Kommentare

  1. Katharina
    Erstellt am Dezember 18, 2013 um 11:35 am | Permanent-Link

    Glaubst du nicht, dass es Larry, Josh Swensen wirklich gibt? Denkst du, dass sie sich das wirklich alles einfach ausgedacht hast? Bitte kontaktiere mich. Das Buch hat mich so zum Weinen gebracht! Ich warte auf deine E-Mail!

  2. jenny
    Erstellt am Januar 12, 2014 um 5:43 pm | Permanent-Link

    Liebe Katharina, entschuldige, dass ich etwas lange gebraucht habe, um dir zu anworten. Ich hatte in den letzten Wochen einfach so viel um die Ohren, dass ich meinen Blog ganz furchtbar vernachlässigt habe. Es ist schon ein verführerischer Gedanke, anzunehmen, dass es Josh tatsächlich gibt. Und eigentlich gibt es ihn auch: In jedem, der sich gegen den unreflektierten, gedankenlosen Konsumrausch verwahrt, der bewusst weniger Müll anhäuft oder das Auto einmal mehr stehen lässt, steckt ein bisschen von Josh. Und darum geht es wohl Janet Tashjian: Sie möchte ihre Leser mit Joshs Geschichte dazu anregen, die Welt ein kleines Stück besser zu machen. Und wenn du das nach der Lektüre machst, dich mit deinem alten Smartphone begnügst, weil es noch einwandfrei funktioniert, dann macht es nichts, dass Josh eine fiktive Figur ist. Liebe Grüße, jenny

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