Ein Mann zwischen zwei Frauen

“Wasser für die die Elefanten” ist eine hinreißende, fesselnde Geschichte aus einer anderen, eigentümlichen Welt. Sara Gruen erzählt die Liebesgeschichte von Jacob und Marlena vor der Kulisse eines Wanderzirkusses. Benzinis spektakulärste Show der Welt zieht durch das Amerika der dreißiger Jahre. Genauer gesagt, ist es das Jahr 1931, die Zeit der Depression. Diese Zirkuswelt auf Schienen, die Gruen schildert und als Kulisse für ihre dramatische Geschichte heranzieht, ist eine fremdartige, wenngleich faszinierende. Sie ist ein Mikrokosmos, ein Abbild der menschlichen Gesellschaft. Im Benzinis Zirkus gibt es den König, die Adligen und das Fußvolk. Es gibt des Königs Günstlinge und die Aussetzigen, die, wenn es ihr König so wünscht, in der Nacht an einer Brücke aus dem fahrenden Zug geworfen werden.

Gruen beginnt ihren Roman, den der 93-jährige Jacob in Rückblenden erzählt, mit einer ungeheuerlichen Tat. Ein Mann – zugegebenermaßen kein besonders netter – wird erschlagen. Gut, das Drama steuert also darauf zu. Mal sehen, was bis dahin passiert. Und es passiert eine ganze Menge. Jacob Jankowski, angehender Tierarzt und Student der Cornell University, verliert seine Eltern und sein Zuhause. Er bricht das Studium ab, stolpert ziellos durch die Gegend und landet beim Zirkus. Die ihn erst wieder loswerden wollen, aber dann ganz heiß auf dem jungen Mann sind, als sie erfahren, dass er Tierarzt ist. Na ja, fast.

Jacob macht sich nützlich, macht Bekanntschaft mit der strengen Hierarchie im Zirkus, verliert seine Jungfräulichkeit und verliebt sich in Marlena, die Kunstreiterin und Ehefrau des Dompteurs August. Eine klassische Dreieicksgeschichte mit einem unsympathischen Part. So weit so gut und wenig neu, aber das macht nichts. Und dann gibt es noch die andere Frau, an die Jacob sein Herz verliert; die Elefantendame Rosie, die angeblich Klügste ihrer Spezies mit einer Vorliebe für Limonade, Gin und Kohlköpfe.

Gruen entfaltet ihre Geschichte behutsam und liebevoll. Sie erzählt humorvoll und anrührend. Letzteres sind besonders die Zwischenstücke, wenn Gruen wieder in Jacobs Gegenwart zurückkehrt, die der alte Mann in einem Altenheim verbringt, wenn sie erzählt, wie Jacob im Spiegel nach seinem Selbst sucht und nur einen alten Mann entdeckt, wenn sich der 93-Jährige dagegen wehrt, wie ein Kleinkind bevormundet zu werden. Und vergebens auf seine Familie wartet, die ihn doch eigentlich jeden Sonntag zuverlässig besucht. Immer wieder verliert sich der alte Jacob in seinen Erinnerungen und nimmt den Leser mit zurück. Seine Geschichte spitzt sich auf ihr dramatisches Ende zu. Plötzlich konfrontiert Gruen ihre Leser mit zwei Tätern. Und sie lässt offen, wie es sich nun wirklich vor siebzig Jahren zugetragen hat. Letzten Endes spielt das keine Rolle, sie hatten beide ihre Gründe.

Gruens Roman ist gewiss kein literarisches Schwergewicht, doch sie erzählt eine prächtige, fesselnde Geschichte, der man gern verschlingt. Ein gutes Buch für lange Winterabende oder sonnige Strandtage. Es macht einfach Spaß. Das ist nicht das Schlechteste, was man über ein Buch sagen kann.

Sara Gruen, Wasser für die Elefanten, Rowohlt Taschenbuch Verlag

 

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