Eine Verführung, oder?

“Meine golden days. Stundenlang laufen, um zu einer Almhütte zu gelangen, zu nachtschlafender Zeit aufstehen, um eine Kuh abzuhorchen, die im Kreis lief und die Sterne anmuhte, spüren, dass ich den richtigen Griff tat, wenn ich einem Muttertier half, sein Kleines zu gebären. Einen etwas zu forschen Bauern im Stall ohrfeigen, um danach mit dem kleinlauten Mann in seiner Küche einen Kaffee zu trinken, um die Erkenntnis reicher, dass ich als Frau und als Arzt seine Achtung gewonnen hatte.”

Es ist ein starkes Buch. Ein mutiges. Und ein zwiespältiges. Die Geschichte, die Simonetta Greggio erzählt, ist nicht neu. Wie es eben die meisten nicht sind. Doch sie wählt eine ungewohnte Perspektive. Die der älteren Frau, die einen jungen Mann verführt. Einen Jungen, an der Schwelle zum Mannsein, der aber durchaus zu wissen scheint, was er da tut.

Emma ist Tierärztin auf dem Land. Anfang vierzig, solo und kinderlos. Und ziemlich offensichtlich schwer verwundet. Eine Wunde, die nicht heilen will. Die sie aber auch nicht heilen lassen kann. Doch sie ist zufrieden mit ihrem einsamen Leben für die Tiere der Bauern. Und dann taucht Gio auf, der Sohn ihrer großen Liebe, der Sohn der anderen Frau. Knappe fünfzehn braucht er Abstand von seiner überkandidelten Mutter und seinem ewig kämpfenden Vater. Er ist ein aufgeweckter, kesser Bursche, der älter wirkt als seine fünfzehn Sommer. Das lässt zwischendrin den Verdacht keimen, dass Greggio dieses Alter absolut willkürlich gewählt hat, einzig zum Zweck, maximal zu schockieren.

Das Unsagbare passiert: Emma und Gio verlieben sich. Und man ist als Leser geschockt. Denn das verstößt gegen den gesellschaftlich geprägten moralischen Kompass. Nein, das darf nicht sein, ist nicht rechtens, ruft eine Stimme. Und doch, lauscht man der Liebesgeschichte, wie sie sich zart und unweigerlich entwickelt, denkt man, natürlich, warum sollten sich zwei Seelenverwandte, zwei Außenseiter, die sich an den Konventionen reiben, eigentlich um eben diese scheren. Sie sind zwei Menschen, die sich neu begegnen, nachdem sie sich Jahre nicht gesehen haben. Emma trifft auf einen jungen Mann, der das Kind eigentlich schon hinter sich gelassen hat. Gio entdeckt hinter seinen Kindheitserinnerungen eine Frau, die seine Sicht auf die Welt teilt, die so anders ist als seine Mutter.

Simonetta Greggios Buch stellt die Frage, wie weit eine bloße Zahl über die emotionale Reife entscheiden kann. Nur nicht falsch verstehen, dies ist kein Plädoyer dafür, den Jugenschutz abzuschaffen. Dieser muss sein. Vielmehr geht es um eine differenzierte Betrachtung dieser Beziehung, losgelöst vom Zahlenspiel und Gesetzestexten. Emma ist nicht Nabokovs Humbert. Gemeinsam mit Lolita hat Greggios kleiner Roman die Perspektive. Die Autorin, Jahrgang 1961, wagt nicht, Gios Blickwinkel auf die Ereignisse wiederzugeben. Das hat sicherlich zwei Gründe. Erstens steckt der Konflikt in Emmas Figur, also ist es naheliegend, ihre Perspektive zu wählen. Zweitens kann das Experiment, Gios Sicht zu zeigen, nur scheitern, sie wäre wohl nicht authentisch. Natürlich hätte Greggio auch den Standpunkt eines außenstehenden Erzählers wählen können. Doch das hätte ihrem Roman geschadet, das hätte zu viel Distanz zum Leser geschaffen. Und es hätte wohl auch nicht funktioniert. Der Leser braucht Emmas Innensicht, um den Konflikt greifen zu können. Ebenso brauchte Nabokovs Lolita Humberts Perspektive, um das Ausmaß seiner gruseligen Besessenheit zu begreifen. Und zu schaudern.

Simonetta Greggio, Mit nackten Händen, Diana Verlag

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in gelesen und getagged , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>