Elfen sind ganz schön bösartige Biester!

Ich bin versucht, mir sofort die Fortsetzung zu bestellen, weil ich unbedingt wissen will, wie es mit Red weitergeht. Das Mädchen mit den roten Haaren ist ohnehin die interessanteste Figur in der Geschichte. Hauptfigur in Michelle Harrisons Roman „Elfenseele – hinter dem Augenblick“ ist allerdings ein anderes Mädchen. Tanya. Ein schwer geplagtes vierzehnjähriges Mädchen. Tanya ist geschlagen mit dem Zweiten Gesicht. Bei Harrison bedeutet das, dass Tanya Elfen sieht. In der Zuckerdose, im Uhrenschrank oder im Abflussrohr. Diese Elfen haben wenig mit der engelsgleichen Arwen gemein, sie sind winzig, einige sind krötenähnlich oder verstecken sich in der Gestalt von Raben. Und sie haben auch nichts von Elronds Güte, sie sind reichlich nervige kleine Biester. Manche sind auch richtig bösartig. Zumindest sind das hauptsächlich solche Elfen, denen Tanya begegnet. Und sie machen ihr das Leben zur Hölle. Denn es sie mögen es gar nicht, wenn ein hellsichtiger Mensch ihre Existenz ausplaudert. Und Tanya tut dies, um nicht den Verstand zu verlieren. Selbst ihrem Tagebuch darf sie nichts ungestraft anvertrauen.

So wird Tanya verfolgt von einer endlosen Reihe Missgeschicke, Unfälle und Streiche, die ihr zugeschrieben werden. Ihrer Mutter reißt der Geduldsfaden, sie schickt ihre Tochter für eine Auszeit zur Großmutter. Florence hat wenig von einer liebevollen Oma, sie ist distanziert, schimpft viel, weist das Mädchen zurück. Zum großmütterlichen Haushalt gehören allerdings noch zwei Männer und ein Junge: Amos, Warwick und Fabian. Vater, Sohn und Enkel. Gemeinsam mit Fabian spürt Tanya dem großen Familiengeheinnis nach, sie wollen ein Mädchen retten, das die Elfen verschleppt haben. Es ist ein gefährliches Abenteuer, das sie in den finsteren Henkerswald (in jeder guten Fantasygeschichte muss ein düsterer Ort vorkommen) führt, denn die Elfen geben ungern etwas zurück.

Kurz gesagt:Harrison ist ein tolles Jugendbuch gelungen. Sie zeichnet ihre Figuren mit viel Liebe, macht aus ihnen authentische Charaktere. Sie überrascht einen mit fantastischen Einfällen. Angefangen bei der wundersamen Wirkung der Farbe Rot bis zu dem Kompass, der nicht nach Norden zeigt. Ja ja, Jack lässt grüßen. Aber das ist in Ordnung, genauso wie die Geschichte von den geteilten Elfenreich. Gegen gut gemachte Anleihen ist nichts einzuwenden. Mit Plagiat hat das nichts zu tun. Wenn die Geschichte sie sich einverlebt als etwas eigenes, macht es einfach Spaß, über die Bezüge zu stolpern.

Zudem ist Harrisons angenehmer Stil eine Wohltat, sie bevorzugt eine geradlinige Sprache, die dennoch einen gewissen Anspruch an die jugendlichen Leser stellt. Dabei verzichtet sie auf ausufernde Beschreibungen und übermäßige Metaphern. „Elfenseele“ ist ein erstaunliches Debüt, aber gut, Harrison arbeitet als Kinderbuchlektorin. Da sollte sie wissen, wie man ein wirklich gutes Jugendbuch schreibt.

 

P.S. Wer den Roman noch nicht kennt, fragt sich gewiss, was hinter dem Augenblick im Titel steckt. Das ist der Augenblick, wenn man zwischen dem Elfenreich und der menschlichen Welt wandeln kann. Also die üblichen Verdächtigen wie Sommersonnenwende, Wintersonnenwende, der Vorabend vor Allerheiligen – und die Geisterstunde.

Michelle Harrison, Elfenseele – Hinter dem Augenblick, Loewe-Verlag

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in gelesen und getagged , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>