Gespräche mit einem Poster

Die Pause ist vorüber, habe ich beschlossen. Es ist an der Zeit, dass ich meine Hörbucherfahrungen aufarbeite. Doch womit fange ich an? Erst dachte ich, der Auftakt gebührt meiner Hymne auf Andreas Fröhlich und seine Wahnsinnsstimme. Doch dann dachte ich noch einen Moment länger nach und mir fiel auf, dass nur einem der Anfang gebühren kann: Nick Hornby und seinem Roman „Slam“. Fröhlich und Meyers Arkadien müssen noch einen kleinen Moment warten.

Trotz meines Handicaps würde ich weiterhin die gedruckten Fassungen vorziehen, obwohl ich mich in den vergangenen Monaten von einem Hörbuch-Skeptiker zu einem dankbaren Anhänger gewandelt habe. Aber es gibt Ausnahmen: Eine ist „Slam“. Nicht, dass Hornbys Roman nicht auch in der Druckversion eine wahnsinnig lohnenswerte Lektüre wäre. Doch Matthias Schweighöfer macht die Geschichte um einen skateboardverrückten Jungen und seine erste Erfahrungen mit der Liebe zu einem unvergleichlichen Hörerlebnis. Und ich muss sagen, kein anderer hätte diese abgefahrene Geschichte lesen dürfen.

Es ist natürlich keine einfache Geschichte des berüchtigten Erwachsenwerdens, ansonsten wäre es wohl auch keine sonderlich lesenswerte. Nick Hornby hat für seinen Helden Sam, süße fünfzehn, einige schwere Hürden eingebaut. Sams Mutter hat ihren Sohn mit sechszehn Jahren bekommen. Damit wären wir beim Hauptthema des Romans: Teenager-Schwangerschaften. Es bleibt nicht bei der einen bereits weit zurückliegenden. Sam ist ein auf Anhieb sympathischer Bursche, ein Skater, den eigentlich nur neue Tricks interessieren, bis ihm die Mädchen dazwischen kommen. Sein engster Vertrauter ist das Poster seines Skater-Idols Tony Hawk, das in jeder Lebenslage Rat weiß. Ein wahrlich genialer Einfall des britischen Autors. Seien wir ehrlich, Teenagerherzschmerz ist bei einem verschwiegenen Gesprächspartner am besten aufgehoben. Und Tagebuchschreiben ist nichts für Jungen. Sie reden lieber mit einem Poster, das antwortet. Die Antworten saugt sich Sams Unterbewusstein jedoch nicht aus dem Nichts, sondern greift auf mal oder weniger gehaltvolle und rätselhafte Sätze aus Hawks Autobiographie zurück, die Sam natürlich verschlungen hat. Doch Tony Hawks Papierversion hat noch ein paar beeindruckendere Tricks auf Lager, auf die sie zurückgreift, als Sam sein Leben in seinem jugendlichen Leichtsinn sein Leben auf den Kopf gestellt hat.

Hornbys große Kunstfertigkeit liegt darin, den Zeigefinger kein einziges Mal zu erheben. Er lässt Sam straucheln wie es Jugendliche – und auch manche bereits Erwachsene tun: unbedacht und im stetigen Widerstreit mit den eigenen Gefühlen, die Sam schwer zu deuten weiß. Dabei zeichnet Hornby seine Figur ausgesprochen liebevoll. Was zum einen dadurch gelingt, dass er Sam seine Geschichte selbst erzählen lässt. Diese Perspektive ermöglicht Einblicke in das irritierte Innenleben eines Teenagers, der sich mit einer komplizierter werdenden Gefühlswelt auseinandersetzen muss. Keine einfache Sache. Dabei ist Sam ein glaubwürdiger Teenager, der redet, wie ihm die Schnauze gewachsen ist und keine Dawsonschen Schwermütigkeiten absondert. An der Stelle kommt Matthias Schweighöfer ins Spiel, der diesen Jungen zum Leben erweckt – in all seiner jugendlichen Arroganz, Weitsichtigkeit und Verwirrtheit. Es ist pures Vergnügen, Sam zu lauschen. Schweighöfer gibt ihm in den richtigen Momenten eine ernste Stimme, ohne dabei ganz den altklugen Tonfall zu verlieren, der ja vielen Teenager eigen ist, die glauben, nur weil ihre Hormone verrückt spielen, wüssten sie schon, wie der Hase läuft. Weit gefehlt, das ist auch Sams Erkenntnis. Doch den meisten Spaß bereiten einem jene Stellen, wenn Sam versucht, Hawks Sprüche zu analysieren. Die sind zugegebenermaßen nicht immer erhellend.

 Nick Hornby, Slam, der Hörverlag

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2 Kommentare

  1. Erstellt am Dezember 27, 2011 um 11:29 am | Permanent-Link

    Hört sich irgendwie guuuut an! Werde ich mir mal merken….. 😉

  2. jenny
    Erstellt am Dezember 27, 2011 um 11:56 pm | Permanent-Link

    Hallo Sarah. Mach das. Es lohnt sich auf jeden Fall. Vor allem ist “Slam” ein wahnsinnig witziges und lebenskluges Buch. Viel Spaß, am besten beim Hören!

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