Gestatten, Karlsson, Allan Karlsson!

Was für ein irrer Trip! Jonas Jonassons “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand” ist ein Schelmenroman par excellence. Natürlich ist es ein Kunstgriff, dass Jonasson seine Hauptfigur Allan Karlsson so alt macht: Er kann so die Ereignisse des 20. Jahrhunderts in eine Lebensspanne packen. Wie er das macht, ist einfach fabelhaft!

 Allan Karlsson ist vielleicht am ehesten das, was man einen Einfaltspinsel nennt, allerdings ein ziemlich gewitzter. Er hält es getreu dem Pippi-Langstrumpf-Motto: “Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.” Allan pfeift auf Politik und Ideologien jeglicher Coleur. Religion inbegriffen.

Allans Trip durch das 20. Jahrhundert beginnt mit jenem Tag, an dem Allan die Nase vom Altersheim gestrichen voll hat und aus dem Fenster klettert. Jonasson eröffnet mit der Rahmenhandlung eine abgedrehte Räuber- und Gendarm-Geschichte. Allans Verschwinden just an seinem 100. Geburtstag bleibt nicht lange unbemerkt. Das Heim schlägt Alarm, Polizei und Presse stürzen sich auf das eigenartige Verschwinden. Allan bleibt nicht lange allein, erst luchst er einem jungen Rüpel dessen Koffer – gefüllt mit 50 Millionen Kronen – ab, dann schließt er Freundschaft mit einem untergetauchten Dieb. Nachdem der Rüpel den beiden versehentlich erfriert, sind sie auf der Flucht – vor Polizei, Presse und den Kompagnons des Erfrorenen. Auf ihrem abenteuerlichen Weg durch Schweden begegnen Allan und Julius schließlich auch der Elefantendame, die das Buchcover ziert. Ihre Flucht lässt Jonasson aber genug Luft, um Allans Lebensgeschichte bis zu dem Punkt, wenn sie die Gegenwart einholt, zu erzählen. Die fördert einige Sensationen zutage, Allan war nämlich an all jenen großen Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts beteiligt. Er macht sich schon in ganz jungen Jahren einen Namen als Sprengstoffexperte, auch, wenn ihn das explosive Spiel erst einmal in die geschlossene Abteilung bringt. Später aber darf er Brücken in die Luft sprengen, den Amerikanern beim Bau der Atombombe helfen und die Bombe Stalin bringen. Allan begegnet ihnen allen: Franco, Stalin, Truman, Mao Tse-Tung, de Gaulle. Er landet im Gulag, überquert zu Fuß den Himalaya, entkommt den Klauen der iranischen Geheimpolizei, spioniert für den amerikanischen Geheimdienst, genießt bunte Cocktails ohne Schirmchen auf Bali. Es ist eine abgefahrene Geschichte, die man natürlich nicht ernst nehmen darf. Der Humor, dieser lakonische mit Ironie durchsetzte Tonfall ist die große Stärke von Jonassons Roman, macht ihn erst zu dem gigantischen Leseerlebnis, bei dem ein Dauerschmunzeln die Mundwinkel umspielt. Ein Zustand, mit dem der Leser sein Umfeld durchaus irritiert. Denn seit wann ist Lesen Vergnügen?!

Eine ziemlich lautstarke Botschaft verbreitet Jonasson mit dem seinem Schelmenroman natürlich auch: Wenn man Allans Geschichte folgt und auch der seiner Freunde, ist augenfällig, wie wenig Bedeutung das große weltgeschichtliche Geschehen für das persönliche Glück des Einzelnen hat. Ebenso wie der Zwang, seinem Leben unbedingt eine Bedeutung geben zu wollen, sei es als vermeintlicher Weltengestalter oder Seelenretter. Jonasson hat ganz offensichtlich ein Herz für die Außenseiter, die Eigenbrötler. Mit viel Liebe erschafft er seine Charaktere, allen voran Allan, der mit einem unbändigen Lebenswillen und einem unerschöpflichen Optimismus gesegnet ist. Und mit einem Humanismus, der Albert Schweitzer wohl erfreuen würde. Allan schert sich nicht darum, woher ein Mensch kommt oder welcher Religion oder politischen Gesinnung er anhängt, solange man ihn nicht bekehren will, nimmt er jeden Menschen, wie er ist. Julius ist ein Dieb mit einem durchaus brauchbaren moralischen Kompass und dem Herz am rechten Fleck. Irrwittzig komisch ist die Schöne Frau, die flucht wie ein Seeräuber, aber sich fast mütterlich um die Männer sorgt. Nicht minder unterhaltsam ist Herbert Einstein, der einfältige Bruder des großen Albert mit dem ausgeprägten Todeswunsch. Zum Glück für ihn dauert es, bis dieser Wunsch in Erfüllung geht.

Macht Euch auf und lernt sie alle selbst kennen! Es lohnt sich.

Jonas Jonasson, Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, carl’s books

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2 Kommentare

  1. Corinna
    Erstellt am Juli 27, 2012 um 1:25 pm | Permanent-Link

    Tolles Buch, schöne Kritik :) Ich hatte das Buch im Urlaub dabei und musste am Pool ständig vor mich hinkichern…

  2. jenny
    Erstellt am Juli 28, 2012 um 8:18 pm | Permanent-Link

    Corinna, lieben Dank für das Kompliment. Allan ist wirklich unglaublich unterhaltsam. Nur sind die Leute um einen herum immer so irrtiert, wenn man bei Lesen lacht. 😉

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