Ich bin alles, was möglich ist

„Ich greife nach meiner Ausgabe von Walden, die zwar wortwörtlich auf meine Biochips aufgespielt ist, aber ich finde, es ist ttrotzdem ein Unterschied, ein richtiges Buch aufzuschlagen. Das Papier riecht gut, und man liest immer nur ein Wort auf einmal und kann in seiner Form und seiner jeweiligen Nuance schwelgen.“

Ich bin gefesselt. Hin und weg. Eigentlich hatte ich mir „Zwei + dieselbe“ als Hörbuch aus der Bibliothek ausgeliehen. Eine Freundin hatte mir den Roman vor einiger Zeit empfohlen und als ich das Hörbuch zufällig im Regal sah, habe ich es einfach mal mitgenommen. Bereits nach den ersten Kapiteln hatte es mich so gepackt, dass ich es mir unbedingt in der gedruckten Fassung kaufen musste, um es nochmal lesen zu können. Das mit dem Hören ist ja schön und gut, aber irgendwie auch furchtbar flüchtig. Man hört und erledigt nebenbei andere Dinge. Man hört nicht immer hin. Hat man aber das Buch in der Hand, ist man ganz bei dieser einer Beschäftigung. Das lässt sich schwer noch der Abwasch nebenbei erledigen. Beim Lesen bin ich dann tatsächlich noch auf Stellen gestoßen, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte.

Worum aber geht es bei „Zwei + dieselbe“? Es ist ein Jugendbuch, das sich mit ziemlich gewichtigen Fragen beschäftigt. Was macht einen Menschen aus, wann hört ein Mensch auf, Mensch zu sein? Wann hören wir auf zu existieren? Wie weit dürfen wir gehen, um ein Menschenleben zu retten? Alles technisch Mögliche? Oder gibt es eine Grenze, nach der nicht mehr genug übrig ist, um den Menschen, die Seele zu bewahren? Mary E. Pearson gibt ein eindeutige Antwort.

Pearsons Hauptfigur ist die siebzehnjährige Jenna Fox. Ein Jahr lag sie im Koma. Als sie erwacht, kann sie sich nicht mehr erinnern, nicht an sie selbst, nicht an ihre Eltern, an ihre Freunde oder an den Unfall, bei dem sie fast gestorben wäre. Und dann verhalten sich ihre Eltern auch noch eigenartig, sie geraten quasi in Panik, wenn Jenna sich zu weit vom Haus entfernt. Und in ihrem Zimmer fehlen jegliche persönlichen Gegenstände, nichts, das auf einen Teeanger hinweist. Pearson wählt Jennas Perspektive, so zwingt sie den Leser, das Puzzle Schritt für Schritt gemeinsam mit Jenna zusammenzusetzen. Winzige Hinweise, die Heimlichtuerei der Eltern, die abweisende Großmutter deuten auf ein gewaltiges Geheimnis hin. Dazu Jennas merkwürdiger Gang und ihre eigenartige Diät, an die sie sich halten soll.

Mary E. Pearson ist ein spannendes, atemberaubendes, feinsinniges Buch gelungen, das sich mit Ethik befasst, ohne den Oberlehrer-Zeigefinger zu erheben. Allerdings hat sich im Epilog ein kleiner Rechenfehler eingeschlichen. Das ist aber auch mein einziger, winziger Kritikpunkt.

Mary E. Pearson, Zwei + dieselbe, Fischer Taschenbuch Verlag

 

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