In Swamplandia endet die Kindheit

© jennys bücherecke

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Mit Haustieren kann ich wenig anfangen. Ich käme nie auf die Idee, mir eine Katze oder ein Kaninchen in die Wohnung zu holen, aber dieser rote kleine Seth hat es mir echt angetan. Ich kann verstehen, dass Ava Bigtree ihn für sich behalten hat, ihn mit niemandem teilen mochte.

Der rote Seth ist eine wundersame Laune der Natur: Ein junger Alligator, der wohl in der freien Wildbahn wegen seiner leuchtenden Färbung wenig Überlebenschancen hat. Doch zum Glück schlüpft er auf Swamplandia, der Insel des Bigtree-Clans, der sich einen Namen durch das Alligatoren-Ringen gemacht. Die Berühmteste aus dem Clan ist Hilola, die ohne mit der Wimper zu zucken durch die Alligatorengrube schwimmt – und sie stirbt an Krebs. Zu dem Zeitpunkt ist ihre jüngste Tochter und Ich-Erzählerin Ava zwölf Jahre alt.

Ava schildert ihre wundersame Kindheit auf dieser abgeschiedenen Insel, sie erzählt von den Touristen, die tagein, tagaus zu ihnen kommen, um zu sehen, wie ihre Mutter mit den Seths – so nennen sie alle Alligatoren – ringt. Die drei Kinder helfen bei der Show, lernen selbst das Ringen, leben einer behütete, abgeschiedene Kindheit. Doch der Tod ihrer Mutter ändert alles. Die Touristen bleiben weg, Swamplandia steht vor dem Ruin, Avas ältere Schwester verliebt sich in einen Geist. Ihr älterer Bruder Kiwi will aufs Festland, er will studieren, nicht mit Alligatoren ringen. Eines Tages ist er weg. Und dann muss auch noch der Chief, Avas Vater, auf Geschäftsreise. Die Mädchen bleiben allein auf der Insel zurück. Eines Tages verschwindet auch Osceola, und Ava bricht auf zu einer Odyssee durch die Sümpfe von Florida, um ihre Schwester und ihre Familie zu retten. Der rote Seth begleitet sie.

Karen Russell folgt Ava auf ihrem Weg durch die Sümpfe und ihrem Bruder Kiwi auf dem Festland. Er landet – Ironie des Lebens – in einem anderen Vergnügungspark: in der Welt der Finsternis, die nicht nur mit Teufeleien spielt, sondern selbst eine teuflische Profitmaschine ist. Kiwi ist ein Außenseiter, seine isolierte Kindheit hat ihn nicht vorbereitet auf den Umgang mit anderen Menschen, auf ihre Oberflächlichkeit. Er erlebt das Ende der Unschuld, ebenso wie seine Schwester.

Russells Debütroman ist magisch, grotesk, liebenswert – und beklemmend. Das ist kein Wunder, schließlich erzählt sie, wie eine Familie, eine eingeschworene Gemeinschaft auseinanderbricht, sie erzählt von Trauer, von der Hilflosigkeit nach dem Tod, vom Ende der kindlichen Unschuld, von einer kalten Welt, in der die kindliche Fantasie verraten wird.

Karen Russell, Swamplandia, Wilhelm Heyne Verlag München

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