Kein Entrinnen von der Vergangenheit

Ein reichlich sperriger und zugleich poetischer Titel für ein so schmales Buch. Julia Schochs Roman “Mit der Geschwindigkeit des Sommers” ist ein bedrückendes und zugleich federleichtes Buch. Bedrückend ist die Geschichte einer namenlosen Frau, die sie erzählt. Federleicht ist die Weise, wie sie erzählt. Eine Frau ist gestorben, in New York hat sie sich mit einer Überdosis Schlaftabletten getötet. Ihre Schwester erzählt im Rückblick ihre Geschichte, als Versuch, den Schritt ihrer Schwester zu verstehen, zu erklären. Und sie spricht von den Schuldgefühlen, die die Zurückgebliebenen heimsuchen, dass sie sie hätte aufhalten können, wenn sie nur aufmerksamer gewesen wäre. Die Geschichte, die Julia Schoch erzählt, ist die einer Frau, die daran zerbrach, von einer Epoche in die nächste geschleudert worden zu sein. Aufgewachsen hinter der alle Träume verschluckenden Mauer entschied sie sich für ein unscheinbares Leben als Ehefrau in der Abgeschiedenheit der Region am Stettiner Haff – dies ist die einzige offene geographische Verortung, die sich Schoch leistet – spannend für jene, die diesen Landstrich kennen und die Wege der Schwester verfolgen können. Als die Mauer fiel und die DDR Geschichte wurde, wurde ihrem Lebensentwurf jegliche Grundlage entzogen. In einem Staat ohne Möglichkeiten war es gleichgültig, welchen Weg sie einschlug. Mit dem Fall der Mauer standen ihr plötzlich Möglichkeiten offen, von denen sie nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Aber es war zu spät, sie konnte nicht mehr träumen, geschweige denn ihrem Leben eine andere Richtung geben. Beklemmend ist die Hoffnungslosigkeit, die Julia Schoch beschreibt. Endlich die ersehnte Freiheit zu haben, aber nicht mehr den Willen sie zu nutzen. Erstickt im diktatorischen Sozialismus. Es ist eine exemplarische Geschichte, die Julia Schoch erzählt. Sie beschreibt mit dem äußerlichen Zerfall des Landstrichs, der Beton-Siedlungen auch einen innerlichen. Ratlos lässt einen dieses Buch zurück, in dem nicht einmal die Liebe – den einzigen Ausbruch, den sich die Schwester gönnt, ist eine Affäre mit einem Mann, den sie in den Gesprächen mit ihrer in der neuen Epoche angekommenden Schwester nur den Offizier nennt, die Leere, die Kluft zwischen den Zeiten überbrücken kann. Nur einen Moment lang kann sie innehalten, doch an ihrem Entschluss ändert sie nichts. Sie ist in ihrer neuen Heimat nicht angekommen.

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