Kein Mitleid für Heathcliff

© jennys bücherecke

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Das ist eines dieser Bücher, die ich vor langer Zeit schon mal gelesen hatte. Die Erinnerung daran ist verblasst. Und dann stoße ich im Buchladen auf diese hübsche Ausgabe und denke mir, ach ja, “Sturmhöhe” könntest du doch eigentlich nochmal lesen. Gedacht, gekauft.

Wie beim ersten Mal hält sich mein Mitgefühl für Heathcliff in Grenzen. Zu seinem Glück zaubert Emily Brontë dieses unwahrscheinliche Ende. Ja, ich weiß, das klingt für manchen nach Blasphemie, gehören die Brontë-Schwestern doch zu den Klassikern der englischen Literatur. Diesen Rang bestreite ich auch keineswegs. Brontë pflegte einen geschmeidigen Stil, ihre Erzählstruktur ist durchdacht, ihre Figuren gewinnen rasch an Kontur. Geschickt fordert sie den Leser heraus, sich selbst ein Urteil über die Ereignisse zu bilden. Dafür muss er sich von Mrs. Deans Perspektive lösen. Die Haushälterin der Earnshaws erzählt dem neuen Pächter von Thruscross Grange die Geschichte von Heathcliff, dem Findelkind, und Catherine, der wilden Tochter ihres Gutsherrn. Sie wachsen zusammen auf, sind die besten Freunde, sind Verliebte, doch beide mit einem zerstörischen Hang. Weil er Catherine verlor, sinnt Heathcliff auf düstere Rache und reißt zwei Familien in den Abgrund.

Doch weil ich aus purem Vergnügen lese, lasse ich meinen Gefühlen freien Lauf. Da hält sich denn auch mein Mitgefühl für das unglückselige Liebespaar in Grenzen. Falsch, das unglückselige Liebespaar, deren Liebe von Beginn an unter einem schlechten Stern stand, genießt mein ganzes Mitgefühl. Vor allem der junge Heathcliff, der sich so bemüht, mit Catherine Schritt zu halten und ihr zu gefallen. Doch den Makel seiner Herkunft kann er nicht abstreifen. Er verspielt fast sämtliche Sympathiepunkte, als er Unschuldige ins Unglück stürzt und das Kind seines Widersachers klein hält. So wie er einst klein gehalten wurde. So viel blinde Verbitterung hat kein Mitgefühl verdient. So also lese ich und schimpfe ich und lese weiter.

“Sturmhöhe” ist ein reichlich düsteres Buch. Brontës Gestalten sind gefangen zwischen Standesdünkel und Konventionen. Dahinter muss die Menschlichkeit zurückstehen. Das hat seine Folgen, wie Brontë am Schicksal von Catherine und Heathcliff zeigt. Die beiden Unseligen hatten wohl wirklich nie eine Chance auf ein gemeinsames Glück, selbst wenn Catherine etwas verständiger gewesen wäre. Zugegeben, diese Fatalität macht den Roman auch so gut. Und dabei erzählt Mrs. Dean ihre Geschichte nur zum Zeitvertreib.

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