Liebe, Lügen und ein Paar Ohrringe

“Monsieur de hatte durchaus Anlass zu guter Laune, aber nicht genug, um seinen Unmut über den Starrsinn seiner Frau zu zerstreuen. Nachdem sie leichtsinnig Besucher empfangen hatte, machte das Gerücht die Runde, sie sei nicht eigentlich krank, sondern schwermütig.”

“Madame de” ist ein bezauberndes, kleines Büchlein, das in der Tradition von “Anna Karenina” und “Madame Bovary” steht. Das sollte jetzt niemanden abschrecken, der Roman von Louise de Vilmorin ist alles andere als schwergewichtig. Es kommt zart und schwerelos daher, so wie sich Madame de in der feinen Gesellschaft bewegt, deren Star sie in ihrer eleganten Erscheinung ist. Madame de hat allerdings ein Problem: Sie kann den schönen Dingen nicht widerstehen. Um aber gegenüber ihrem Mann nicht zu verschwenderisch zu wirken, flunkert sie, verschweigt sie die wahren Preise für Kleider, Hüte und Schmuckstücke. Um ihre Schulden zu begleichen, verkauft sie heimlich jene Diamantohrringe, die ihr Monsieur de zur Hochzeit geschenkt hatte. Madame de verstrickt sich in ein Lügengeflecht, dem sie nicht mehr entrinnt. Gebunden an die Konventionen kann sie scheinbar nicht mehr nicht lügen – selbst als es um mehr, als ein paar Besitztümer geht.

Madame de rührt nicht von Beginn an am Mitgefühl des Lesers. Sie ist eine Diva, die sich arrangiert hat in ihrer Ehe, die ihren Status pflegt und ihre Konsumsucht hegt. Auch wenn die beiden Eheleute keine Liebe verbindet, so ist Monsieur de kein schlechter Ehemann. Sicher ist Madame de für ihn ein Schmuckwerk wie die standesgemäße Unterkunft, doch er vergreift sich nicht an ihr und sperrt sie auch nicht ein. Er kauft sogar ihre Ohrringe zurück, ohne sie vor anderen bloßzustellen. Allerdings kennen sich die beiden Eheleute nicht, sie gewähren einander keinen Blick hinter die Fassade – und so bemerkt Monsieur de auch nicht, wie sich Madame de in den Botschafter verliebt. Genau genommen weiß sie selbst zunächst nicht, wie ihr geschieht – so wenig kennt sie ihre eigene Gefühlswelt, weil sie eben stets fein unter Verschluss hält. Gefühle und Gefühlsausbrüche zeigt man in der Gesellschaft nicht.

Hinter den gesellschaftlich auferlegten makellosen Masken treten traurig verkümmerte Persönlichkeiten zutage. Das ist das Drama, von dem Louise de Vilmorin in diesem bezaubernd federleichten Plauderton erzählt: Die Menschen stecken in einem Korsett fest, das sie erstickt. Und sie machen sich dies nicht klar, sie weisen eher ihre Liebe zurück und gehen zu Grunde, als das abschnürende Korsett abzustreifen. Sie bleiben Gefangene in ihrem selbst errichteten Gefängnis. Gefangen sind nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer, sie genießen nur ein paar mehr Vorteile und können sich ihren Ruf nicht ganz so schnell ruinieren. Es ist eine traurige Scheinwelt, in der den Menschen wenig Glück vergönnt ist. “Madame de” ist ein absolut lesenswerter Roman, auch wer nach Madame Bovary, Anna Karenina und Effi Briest genug hat von den schicksalshaften Frauengestalten, sollte dieses kleine Buch lesen – allein wegen des wundersamen Erzählstils. Er allein ist die Lektüre wert.

 Louise de Vilmorin, Madame de, Dörlemann Verlag

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