Machtvolle Worte

Liesel ist ein wahrlich vom Leben gebeuteltes Mädchen. Im Hitler-Deutschland kurz vor dem Ausbruch des Krieges verliert sie ihren Bruder und ihre Mutter. Sie landet bei Pflegeeltern, Rosa Hubermann ist von grobschlächtiger Natur, umso liebenswürdiger ist Hans Hubermann. Doch es sind überraschend anständige Menschen, bei denen sie landet. Leute, bei denen sie eine Chance hat auf eine eigenständige geistige Entwicklung – auch wenn sie angehalten wird, zu schweigen. Zu schweigen nach außen, zu schweigen über den jüdischen Faustkämpfer im Keller. Markus Zusak ist ein Wahnsinnsbuch gelungen, er erzählt eine anrührende Geschichte auf wohltuend unprätentiose Weise, er verliert sich zu keiner Zeit in Sentimentalität.

„Die Bücherdiebin“ ist ein Jugendbuch und zwar ein starkes, das dem jugendlichen Leser auf Augenhöhe begegnet und ihm einiges an Konzentration und Lesevermögen abverlangt. Zusak hat sich für keine einfache Erzählstruktur entschieden. Er arbeitet mit einer Menge Vorausdeutungen und Rückblenden, springt zwischen den Zeiten. Der eigentliche Clou aber an seinem Roman ist die Figur des Erzählers: Es ist der Tod, der Liesels Geschichte erzählt. Er begegnet ihr das erste Mal, als ihr kleiner Bruder stirbt – und er ist ihr vor ersten Augenblick an zugetan. Er schließt dieses in Trauer erstarrte Mädchen, das am Grab des Bruder ihr erstes Buch stiehlt, obwohl sie doch nicht eine Silbe lesen kann, in sein Herz. Der Tod ist ein ganz wunderbarer Erzähler – mit einem überraschend großen Herzen. Und er ist ein einfühlsamer, behutsamer Erzähler, ebenso behutsam geht er mit den Seelen um, die ihm überantwortet werden. Nun, der Tod bringt nicht den Tod, das ist eine Lektion, die er dem Leser rasch beibringt. Er ist nur das Ende.

Zusak erzählt von Liesels Leben in München während des zweiten Weltkrieges, vom Überlebenskampf der Zurückgebliebenen, von Kinder, die in einer alles andere als kinderfreundlichen Zeit aufwachsen, die viel zu früh Bekanntschaft machen mit der Hässlichkeit der Menschen – wenn sie wie Liesel aufwachsen, ohne ideologisch geblendet zu werden.

„Die Bücherdiebin“ erzählt aber auch, welche Macht die Literatur besitzt, wie sie selbst in Zeiten den Schreckens und Grauens, in Zeiten der Todeszüge, den Geist vor dem Zerbrechen bewahren kann. Wenn man denn sein Herz an das gedruckte Wort verloren hat. Es sind die Bücher, das geschriebene Wort, die den Geist des jungen Mädchens in jenen unausprechlich grausigen Tagen zusammenhält. „Die Bücherdiebin“ – verdient für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, den Zusak bereits 2007 eingeheimst hatte – ist ein unglaubliches Buch, das man mit Freude liest, geradezu verschlingt. Trotz der traurigen Geschichte, die dennoch ihre heiteren Momente birgt.

Markus Zusak, „Die Bücherdiebin“, C. Bertelsmann Taschenbuch

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