Musik, Musik und etwas mehr

Nick Hornby will keinen Kopfschuss. Allein für dieses Bekenntnis liebe ich Hornbys kleine, aber feine Sammlung von Essays. Obwohl, der Begriff ist etwas zu kategorisch, ein bisschen zu viel für die Prosatexte, die er unter dem Titel „31 Songs“ veröffentlicht hat. Es sind vielmehr Gedanken, Notizen über Musik und darüber hinaus. Hoenbys Buch ist ein tolles für jene Menschen, die sich öfter mal für ihre Liebe zur Popmusik schämen und sich ganz klein fühlen, wenn sie sich im Kreis von Klassik-Fans, na gut, wohl eher Anhängern, bewegen. Doch seine Sammlung eignet sich auch für jene, die ganz offen Pop, Rock, Jazz oder Klassik lieben, die einfach auf spritzige Lektüre stehen. „31 Songs“ ist ein fabelhaftes Buch für zwischendurch – für die U-Bahn, um eine Lesepause zu füllen oder sich einfach von einer anstrengenden Lektüre zu erholen.

Es ist eine illustre Runde, die Hornby in seiner Top-31 versammelt. Natürlich sind Dylan und Led Zeppelin, aber auch Springsteen, Nelly Furtado oder Rod Stewart. Und er schämt sich dessen kein Stück: Seine unmissverständliche Botschaft lautet, es ist vollkommen in Ordnung einen Song gutzufinden, der nicht aus Dylans Feder stammt. Furtado etwa zeiht er als Beispiel für gut gemachten Pop heran, der das Leben durchaus lebenswert macht. Nun ja, Nelly Furtado in allen Ehren, aber Robbie macht es noch ein wenig lebenswerter.

Gleich zu Beginn entlarvt Hornby die Ursache, warum man so wenige Lieblingssongs mit persönlichen Erinnerungen verbindet: In der Regel entdeckt man sie unabhängig von Begebenheiten. Und hört und hört sie auch unabhängig davon. Das ist okay so, schreibt Hornby. Sehr beruhigend. Beim Darüber-Nachdenken ist mir dann aufgegangen, dass ich einige meiner Lieblingssongs durchaus mit persönlichen Erinnerungen verbinde – mit meiner besten Freundin und ihren Birthday-Compilations, auf denen sie die Foo Fighters, Antony and the Johnsons, Jewel und Eva Cassidy versteckte. Nicht zu vergessen Placebo! Ja, ihr Musikgeschmack ist untrüglich und ihre Sammlung für mich ein unerschöpflicher Quell noch ungehörter Songs.

Hornbys all-time-favourite: Thunder Road. Nicht schlecht, schafft es nicht auf meine Bestenliste. Muss ja auch nicht, ist schließlich sein Lieblingssong. Auch muss ich wirklich angestrengt darüber nachdenken – und lande dann nicht bei Robbie, sondern bei Chris Cornells Version von Michael Jacksons „Billie Jean“. Ich liebe die Melancholie, die er diesem Stück verleiht. Als ich es damals entdeckt habe, habe ich es tatsächlich eine Weile in der Dauerschleife gehört. Immer und immer wieder: Und ich habe es noch nicht satt.

Doch es geht bei Hornby nicht nur um Musik und die Rolle, die sie in seinem Leben spielt. Es geht um das Leben selbst, um das Schreiben, um Vernunft und Gefühl, um Zukunftsängste. Hornby gibt auch Persönliches preis, so schreibt er von seinem Sohn, der nicht viel mit dem Jungen aus „About a boy“ gemein hat, auch wenn das immer wieder unterstellt wird. Er erzählt von der Schockwirkung, die die Diagnose Autismus seines Sohnes Danny auslöste, und den Sorgen – vor allem finanzieller Art -, die darauf folgten. Da kam der Scheck aus Hollywood für die Verfilmung von „About a boy“ genau richtig.

„31 Songs“ ist im Grunde selbst Pop: Es ist mal schwerelos, dann zornig oder witzig, und manchmal auch ganz ernst. Und überraschenderweise mit einigem Erkenntnisgewinn, vor allem über einen selbst. Manchmal auch über die Welt. Und in vielem bin ich ganz bei Hornby, auch ich stehe nicht sonderlich auf Kopfschüsse, deshalb halte ich mich an seinen Rat und von Suicide fern.

P.S. Was sich mir nur nicht erschließt – un das hat rein gar nichts mit Nick Hornby zu tun – warum eine Bücherei sein Buch in die Abteilung für junge Erwachsene, also Unter-Zwanzigjährige, einsortiert. Ich habe mein Exemplar auf einem Flohmarkt erstanden und mich ein wenig über den entsprechenden Hinweis auf dem Buchrücken gewundert. Steckt dahinter die Annahme, dass man als gestandener Erwachsener nichts mehr mit Popmusik am Hut hat, dass man so versteinert ist, dass man nicht mehr darüber nachdenkt?! Ich würde jedenfalls bei Stöbern in einer Bibliothek nicht bei den Büchern für junge Erwachsene nach derlei Ausschau halten. Eigentlich halte ich mich nur an die Abteilung, wenn ich etwas Bestimmtes suche wie meinetwegen „No & ich“. Obwohl, das ist auch wieder ein Buch, das man in jedem Alter jenseits des Sandkastens und der Baumhaus-Reihe lesen kann.

Nick Hornby, 31 Songs, Kiepenheuer & Witsch

 

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