Realitätsflucht der angenehmen Art

Es gibt Titel, die sind unwiderstehlich. Allein deswegen muss man wie unter Zwang zu diesem oder jenem Buch greifen. Solch ein Titel ist für mich „Gut gegen Nordwind“. Mein Verstand setzte aber nicht gänzlich aus, ich las immerhin noch den Klappentext: Ups, eine Liebesgeschichte in E-Mails. Das könnte etwas schwülstig werden. Abgesehen davon, dass ich mich bisher mit Briefromanen schwer getan habe. Goethes Werther lässt mich heute noch erschauern, dabei habe ich ihn in der Schule gelesen, also vor einer halben Ewigkeit. Mit de Laclos’ „Gefährliche Liebschaften“ konnte ich ein bisschen mehr anfangen, dennoch kam ich nur mühevoll mit der Lektüre voran.

Glattauers Roman in E-Mails ist allerdings auch ein literarisches Fliegengewicht. Was aber nichts daran ändert, dass er – in der Hörbuchfassung gelesen von Andrea Sawatzki und Christian Berkel – phänomenal beginnt und endet. Die virtuelle Liebesgeschichte zwischen Emmi Rothner und Leo Leike beginnt mit einem Irrläufer. Eigentlich will Emmi ein Zeitschriftenabo kündigen, ihre E-Mail aber erreicht Leo. Aus dem Irrtum entwickelt sich ein digitaler Flirt, Emmi und Leo lernen sich jenseits des Alltags kennen. Aus gelegentlichen E-Mails werden regelmäßige, bis ihre Nachrichten ihr Sein dominieren, sie sich einander näher fühlen als den Menschen, die außerhalb des Internets um sie sind. Heftig streiten die beiden darüber, ihre virtuelle, irreale Beziehung mit der Wirklichkeit zu konfrontieren. Er drängt, sie sträubt sich.

Ihre Liebesgeschichte ist herzerwärmend und herzzerreißend, denn Emmi ist nicht frei, sie ist verheiratet und Ersatzmutter für zwei bezaubernde Kinder, die sie abgöttisch liebt. Ein paar Komplikationen müssen sein, vorrangig aus dramaturgischen Gründen, schließlich müssen Leo und Emmi in Romanlänge bei ihrer E-Mail-Korrespondenz bleiben. Dennoch ist es eine mitreißende. Ich konnte kaum die nächste Busfahrt und den nächsten Feierabend erwarten, weil ich unbedingt weiter hören musste. So wie sich Leo und Emmi quasi außerhalb von Raum und Zeit begegnen, enthebt, ihnen zu lauschen, aus dem grauen Alltag. Es ist wahrhaft eine Flucht, eine berauschende. Aber auch eine sehr flüchtige, es bleibt von der Lektüre nicht viel mehr hängen als dieser freudige Taumel. Der macht einen aber für eine ganze Weile glücklich. Und manchmal ist das alles, was man braucht oder von einem Buch erwartet. Wie bei „Slam“ lege ich Euch das Hörbuch ans Herz. Die Vorleser verstärken den Ping-Pong-Effekt des Gesprächs via Mail gewaltig.

Da ich niemandem den Spaß verderben will, verrate ich nicht, wie der Roman zu Ende geht. Nur so viel: es endet mit einem Paukenschlag. Glattauer klärt selbstverständlich auch auf, welche Bewandtnis es mit seinem genialen Titel hat. Es hat mit Emmis Schlaflosigkeit zu tun.

Daniel Glattauer, Gut gegen Norwind, Hörbuch Hamburg

www.daniel-glattauer.de

P.S. Für die Apple-Junkies gibt es „Gut gegen Nordwind“ und die Fortsetzung „Alle sieben Wellen“ als App – allerdings nur die gedruckte Version. Ja, es gibt eine Fortsetzung, die ich ebenfalls gehört habe. Sie ist fesselnd, aber sie hat nicht mehr den Zauber des ersten Buches.

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