Ruben steckt in der Klemme

“Das Mädchen, das vom Himmel fiel” ist eines jener Bücher, die seit geraumer Zeit im Regal stehen. Das ich immer mal wieder in die Hand genommen, den Klappentext gelesen, mich in die ersten Sätze vertieft und das ich dann wieder zurückgestellt habe – ungelesen. Ihr kennt das bestimmt, habt sicher selbst solche Bücher im Regal. Wenn man sie kauft, ist man neugierig darauf, aber irgendwie will ihr Moment eine ganze Weile nicht kommen, ist mir nicht nach ihrer Lektüre. Im Fall von Rascha Pepers Roman war das gut so: Das ist keine Geschichte, die man in kalten, grauen Wintermonaten lesen sollte. Das ist eine Lektüre für sonnige Tage. Nicht, weil Peper eine so funkelnde Geschichte erzählt, sondern, weil “Das Mädchen, das vom Himmel fiel” genau das Gegenteil ist. Es ist deprimierend, grau, ernüchternd. Wenn man diesen Roman liest, sollte wenigstens die Sonne scheinen und einem die Seele wärmen. Das tut Pepers Buch nicht, will es auch nicht. Dennoch lohnt sich die Lektüre.

Ruben Saarloos, 58 Jahre, von Beruf Übersetzer, steckt im Eis fest. Genau genommen steckt sein Boot, das auf den wunderbaren Namen Knurrhahn getauft ist, an einer winzigen künstlichen Insel im IJsselmeer fest. Die See ist zugefroren, seit Wochen. Ruben wollte die Knurrhahn nicht einfach dem Eis und möglichen Vandalen überlassen, also blieb er. Seine Frau nutzte die letzte Gelegenheit zur Flucht aufs Festland und zu ihrem Job. Seither ist Ruben allein mit ein paar Kaninchen und Eichelhähern auf diesem Eiland, das er in zwölf Minuten umrundet. Er ist allein mit sich, seinen Gedanken, seiner Arbeit – die Übersetzung eines wissenschaftlichen Werks über Fische – und der winterlichen Tristesse.

Eines Tages bricht eine Eisläuferin in seine Einsamkeit ein, zunächst nimmt Ruben sie nur in der Ferne wahr, dann nähert sie sich schließlich. Ruben ist mit diesem unerwarteten menschlichen Kontakt überfordert. Noch mehr aber überfordert ihn das Begehren, das ihm angesichts dieser jungen Frau mit der roten Lockenpracht überfällt, die so wortkarg ist, aber scheinbar ihm gern lauscht. Denn sie kommt wieder. Aber Bente – diesen Namen entnimmt Ruben dem Schaft ihres Schlittschuhs – bleibt geheimnisvoll. Ruben erfährt nicht, wo sie wohnt, ob sie verheiratet ist, ob sie Kinder hat. Das macht aber nichts, Bente ist die Inkarnation seiner pubertierenden Begierde, seiner jugendlichen Liebe.

Ihr erzählt er die Geschichte seines Vaters, eines Paläontologen, der sein Leben einem einzigen Ziel, einem einzigen Traum opfert: den Coelacanth zu fangen – den mythischen Quastenflosser, das lebende Fossil, das die Evolution längst hätte verschlungen haben sollte. Zweimal verlässt Rubens Vater seine Familie für diesen Traum. Bentes Gegenwart bringt diese Erinnerungen zurück, Rubens Begehren beschwört eine neuerliche Auseinandersetzung mit der vergeblichen Suche seines Vaters herauf, weckt eine Leidenschaft, die Ruben nicht in sich kannte.

Dann kommt der Tag, als der Eisbrecher der Küstenwache auftaucht und Ruben aus seiner Einsamkeit holt. Er kehrt zurück zu seiner Frau Ina, zu seinem Leben in Amsterdam. Nun muss er sich entscheiden: für das bekannte Leben oder für das Unwägbare, das Ungewisse, für die Suche nach der Eisläuferin. Am Ende bleibt man mit der Frage zurück: Was würde ich tun? Wie würde ich reagieren? Das ist ein sehr beklemmender Gedanke, dass man vielleicht nicht den Mumm hat für das Abenteuer, dass man vielleicht vor der Größe der eigenen Träume zurückschreckt. Deshalb ist es wirklich gut, dieses Buch im Sommer zu lesen, wenn man einfach in die wärmende Sonne flüchten kann.

Und vielleicht lese ich eines Tages jenen Roman, für den Ruben diesen wunderbaren ersten Satz hat, dem er aber wohl nie einen zweiten, einen dritten Satz anhängen wird: Mein Vater suchte den Coelacanth.

 Rascha Peper, Das Mädchen, das vom Himmel fiel, Rowohlt

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