Rushdies Pakt mit dem Teufel

“Jetzt erinnert er sich: Vor langer Zeit hat sie ihm von Jumpys Geschichten erzählt, Er möchte gern eine Sammlung machen. Ein Buch. Der daumenlutschende Künstler mit seinen infernalistischen Ansichten. Ein Buch ist das Produkt eines Pakts mit dem Teufel, das den Faustischen Vertrag verkehrt, hatte Jumpy zu Allie gesagt.”

„Die satanischen Verse“ von Salman Rushdie standen schon langer auf meiner Liste von Klassikern, die ich unbedingt noch lesen will. Nun ist diese Urgewalt von einem Roman keine Lektüre für zwischendurch, man braucht etwas Muße, um sich einzulesen und festzusaugen. Am Ende widerspreche ich der Meinung zahlreicher Rezensenten nicht, die Rushdies Roman als ein Meisterwerk einstuften. Und das bereits vor gut zwei Jahrzehnten. Die satanischen Verse sind ein gewaltiger Roman, der danach verlangt, mindestens ein zweites Mal gelesen zu werden, um seine vielen Facetten zu erfassen. Und eines muss man Rushdie lassen, er weiß, wie man einen Roman beginnt. Am Anfang steht nämlich gleich eine zweifache kafkasche Verwandlung. Die beiden Hauptfiguren Gibril Farishta und Saladin Chamcha stürzen in die Tiefe. Statt bei dem Flugzeugabsturz draufzugehen, verwandeln sie sich. Der eine in den Erzengel Gabriel, der andere in den teuflischen Engel.

Gibrils Verwandlung spiegelt seine Entrückung aus der Realität wider, er verliert jegliche Bodenhaftung, glaubt, London und ihre Menschen retten zu müssen. Und er fällt bei dem Versuch noch tiefer, wird ausgeraubt, geschlagen, überfahren und landet bei Alleluia Cone, deren größter Traum eine handfeste Entrückung von der Welt ist: Sie will – mit schmerzenden Plattfüßen – den Mount Everest besteigen. Salman Rushdie hat ein wahrhaft gutes Händchen für einmalige Charaktere.

Satan Saladin trifft das leichtere Los, er, der sich von seiner Heimat und seinen indischen Wurzeln so weit entfernt hat, dass er jegliches Band zu sich selbst gekappt hat, verwandelt sich in der Abgeschiedenheit einer Dachkammer. Geschickt verwischt Rushdie die Grenzen zwischen Realität und Phantasie, zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn. Relativ schnell wird dem Leser klar, dass Gibrils Verwandlung eine Krankengeschichte ist. Auch wenn es lange dauert, bis die Diagnose paranoide Schizophrenie ausgesprochen wird. Und spätestens dann ist klar, dass es für den Engel keinen Weg zurück gibt, dass er der Welt in absurden Träumen über die Propheten Mahound und einen Gewaltmarsch nach Mekka verloren gegangen ist. Es sind lehrreiche Träume, die die Macht der Worte aufzeigen. Erst mit Worten können Gedanken geformt werden, erst durch Worte lassen sich Ideen – und Religionen verbreiten. Erst durch Worte lassen sich Zweifel formulieren. Die Träume lehren, welche Spuren Wahnsinn und menschliche Schwächen im Glauben hinterlassen haben. Verblüfft hat mich dabei immer wieder, wie ähnlich sich Christentum und Islam sind, wie sich Geschichten aus Koran und Bibel gleichen. Und wenn man denkt, okay, alles nur Hirngespinste, Ausgeburten eines verwirrten Geistes, dann erklingt eine Stimme, drängt sich für wenige Zeilen in den Vordergrund, befeuert die Möglichkeit, dass es sich um mehr als eine Krankheitsgeschichte handelt, dass Gibril und Saladin tatsächlich einer Prüfung unterzogen werden – einer göttlichen Prüfung. Ganz also verabschiedet sich Rushdie nicht von der Existenz Gottes. Er stellt nur in Frage, was Menschen im Namen Gottes, Allahs oder Al-Lats anderen Menschen antun.

Deutlich bessere Aussichten als Gibril hat Saladin, der Mann der tausend Stimmen, der mit seiner Gabe Gibril erst den Todesstoß versetzt. Saladin hat eine Chance, zurück in die Welt zu finden. Das Leben ist also nicht nur eine Frage von Schuld und Unschuld, gut und böse, sondern auch eine Frage, unter welchen Voraussetzungen man in diese Welt geboren wird. Zu guter Letzt ist Salahuddin bei sich angekommen.

Das ist doch mal eine wirklich gute Moral einer Geschichte: Bleib bei dir selbst und halte dich von Überhöhungen von Göttern, Menschen, Kunst und Ideen fern und du findest dein Glück im irdischen Leben.

Salman Rushdie, Die satanischen Verse, Rowohlt Taschenbuch Verlag

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