So ein Vampirleben ist hart!

© jennys bücherecke

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Bei Matt Haig büßt das Vampirsein eine Menge von seinem Twilight-Glamour ein.

Diesen ersten Satz habe ich vor Wochen, eigentlich schon vor Monaten geschrieben. Wo ich ihn jetzt wiederentdeckt habe, denke ich mir, dass ich ihn nicht vergeuden, sondern meine Rezension des Romans “Die Radleys” auch beenden sollte. Diese hat auf jeden Fall einen kleinen Schönheitsfehler: Da ich das Buch vor einer halben Ewigkeit gelesen habe und mir in der letzten Zeit auch keine Notizen mehr zu meiner Lektüre gemacht habe, greife ich nun auf die Eindrücke zurück, die haften geblieben sind. Einige Details werden also bei der Betrachtung fehlen. Aber das tut dem Gesamteindruck, den dieser Roman auf mich gemacht hat, keinen Abbruch.

Die Radleys sind scheinbar eine Durchschnittsfamilie, die in einem idyllischen Städtchen namens Bishopthorpe lebt: Vater Peter, Mutter Helen, die Teenager Rowan und Clara. Doch schnell ist klar, dass die Eltern in ihrer erkalteten Ehe ein Geheimnis hüten – ein gewaltiges Geheimnis, das auch ihre Kinder betrifft. Sie sind abstinente Vampire. Das hat bei den Radleys beileibe nicht den Charme der Cullens: Sie haben dem Blut gänzlich entsagt, sie ernähren sich auf menschliche Weise – allerdings haben sie in Problem mit Knoblauch. Haig hält also an ein paar alten Vampirmythen fest. So können seine Vampire auch fliegen, wenn sie denn im Saft stehen. Die Radleys hingegen haben mit ihrer abstinenten Lebensweise auch den besonderen Fähigkeiten entsagt. Dafür altern sie. Helen und Peter haben aber noch ein anderes Problem: Wie sollen sie ihrer Tochter nur klar machen, warum sie nicht auf tierische Nahrung verzichten sollte, ohne ihr dunkles Geheimnis zu lüften? So ein Abstinentler-Dasein ist wahrlich kein Zuckerschlecken: Die Blutgier, die Sucht, ist immer da. Einen adäquaten Ersatz gibt es nicht. Es ist Verzicht, Verzicht, Verzicht. Bei Haig hat er nichts Strahlendes, Heroisches. Er nagt an den Radleys – tagein, tagaus.

Claras Bekenntnis zum Vegetarismus löst eine Reihe folgenschwerer Ereignisse aus: Eine Junge stirbt. Peters Bruder Will, ein praktizierender Vampir, stört die Familienidylle. Die Radleys geraten ins Visier der Polizei. Rowan verliebt sich ausgerechnet in jenes Mädchen, dessen Mutter von einem Vampir getötet wurde. Und Helen hütet ein Geheimnis, von dem selbst ihr Mann nichts ahnt. Haigs Roman steckt voller Zündstoff, den er in der üblichen kitschig-reißerischen Manier hätte abfackeln können. Dass er es nicht tut, macht seinen Roman so gut. Es steckt eine Menge des typisch britischen Humors drin, er ist satirisch. Das Vampirthema dient Haig als Schablone, um das beklemmende Kleinstadtleben ad absurdum zu führen. Peter und Helen mühen sich mit aller Kraft, den Schein ihres perfekten kleinen Familiendaseins zu wahren. Deshalb belügen sie ihre Kinder und sich selbst. Sie können sich nicht eingestehen, dass dieses blutentleerte Leben sie nicht glücklich macht. Dass es mehr braucht. So engen sie ihre Kinder ein und machen ihnen das Erwachsenwerden noch ein bisschen schwerer. Kein Wunder, dass Rowan sich als Rollenbild dann doch lieber an den Onkel hält.

Dem britischen Autor geht es also nicht um eine spannungsgeladene Handlung, die von einem Ereignis zum nächsten hetzt. Die Entwicklung der Figuren, ihr Reifeprozess, steht im Vordergrund. Deshalb steckt der Roman voller Innensichten, Zweifel, Anschuldigungen und falscher Schlüsse. Haigs Figuren schimmern nicht im Sonnenlicht, sie sind fehlbar und fehlgeleitet. Die größte Bedrohung für ihr persönliches kleines Glück geht von dem aus, was sie sich nicht eingestehen, was sie verheimlichen. Kurzum, Matt Haigs Roman ist kein Schmachtfetzen. Wer also Twilight-Glamour erwartet, sollte diesen Vampirroman auslassen. Wer allerdings den Blutsauger-Mythos als Metapher annehmen kann und nicht einen neuen Edward Cullen erwartet, wer lachen kann über den Vampirhype oder wer diesem nie erlegen war, für den ist “Die Radleys” eine gute Wahl.

Matt Haig, Die Radleys, Kiepenheuer & Witsch

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