Verwandlungen und Risse

© jennys bücherecke

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In den meisten Buchhandlungen wird “Das Mädchen mit den gläsernen Füßen” wohl in der Fantasyabteilung stehen. So richtig gehört es dort aber nicht hin. Wenn ich es in eine Schublade stecken sollte, würde ich die wählen, auf der modernes Märchen steht. Der Roman des Briten Ali Shaw hat fantastische Elemente, aber es geht eben nicht um Elfen, Vampire, Zwerge oder Zauberer.

Er benutzt das Fantastische als Irritation, als Riss in der Wirklichkeit: Damit müssen sich seine Figuren auseinandersetzen, sie müssen einen Weg finden, damit umzugehen.

Ausgerechnet nach jenem unglückseligen griechischen König Midas hat der junge britische Autor seine Hauptfigur benannt. Und Midas Crook ist ähnlich einsam, auch wenn nicht jeder, den er berührt, zu Gold erstarrt. Midas ist ein junger Mann, der allein lebt auf dieser monochromen Insel, die zu St. Hauda’s Land gehört, einer fiktiven Inselgruppe. Es ist ein isoliertes, abgeschiedenes Leben, das Midas führt. Als menschliche Kontakte genügen ihm sein bester Freund Gustav, den ich allein für seinen Namen liebe, und dessen kleine Tochter Denver, ein erstaunlich hellsichtiges Kind. Am liebsten aber ist er allein mit seiner Kamera, geht in den Wald und fotografiert das Licht. Dort begegnet er zum ersten Mal Ida. Ihre forsche, offene Art treibt Midas zunächst in die Enge, solchen Umgang ist der introvertierte Kerl nichtgewöhnt. Er bemerkt aber, dass etwas mit Ida nicht stimmt, ihre Füßen stecken in klobigen, überdimensionierten Stiefeln und sie geht sehr langsam, vorsichtig. Sie ist das titelgebende Mädchen mit den gläsernen Füßen. Von der ersten Begegnung an ist klar, dass Midas nicht mehr von Ida loskommt. Wohl nicht ohne Grund hat Ali Shaw ihren Namen so gewählt: Er steckt in Midas’ Namen, sie sind verbunden.

Doch es beginnt keineswegs eine abenteuerliche Jagd nach der bösen Hexen, die ihren Fluch über Ida gelegt hat. Ali Shaw spinnt ein verworrenes Geflecht menschlicher Beziehungen. Er wechselt die Perspektiven, erzählt mal aus Midas’, mal aus Idas, dann wieder aus Henry Fuwas Sicht. Auf der Suche nach ihm ist das Mädchen, sie ist ihm einmal begegnet, als sie noch die Abenteurerin war, die auf der Suche nach historischen Schätzen im Ozean getaucht war, die sich für den Adrenalinkick zur Erde gestürzt hatte. Bei ihrer ersten Begegnung hatte Fuwa etwas gesagt, dass sie im Rückblick auf die Idee bringt, er wisse, was es mit dem Glas auf sich hat und kennt vielleicht einen Weg, die Verwandlung aufzuhalten. Doch Fuwa ist nicht leicht zu finden, er ist ein noch extremerer Eremit als Midas, aber er weiß um das Glas und er weiß, was Midas’ Vater in den Selbstmord getrieben hat.

In Rückblenden und über die wechselnden Perspektiven entwirrt Ali Shaw das Beziehungsgeflecht zwischen Midas und Henry, zwischen Ida und Carl Maulsen, der einst unsterblich in Idas Mutter Freya verliebt gewesen ist und nun alles daran setzt, die Tochter zu retten.

Ali Shaws Figuren haben alle eines gemeinsam: Sie müssen sich dem Leben stellen, ihren Verlusten, ihren Ängsten, bitteren Wahrheiten – und der Liebe. In der Isolation von St. Hauda’s Land gibt es kein Entrinnen, wenn der Stein erst einmal ins Rollen kommt. Mit Idas Ankunft kommt er ins Rollen. Und es ist gerade Midas, der besonders viel Mut braucht. Er muss sein Schneckenhaus verlassen, aufhören, die Welt nur durch die Distanz, die der Blick durch den Sucher seiner Kamera schafft, zu betrachten.

In einer betörenden, lyrischen Sprache beschreibt Shaw seine Figuren und die monochrome Winterlandschaft von St. Hauda’s Land. In ihrer farblosen Abgeschiedenheit bleibt seinen Figuren gar nichts anderes übrig, als sich auf sich selbst zu konzentrieren, als sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das führt zu überraschenden, erschütternden Einsichten und deckt so manches Geheimnis auf.

Ali Shaws Debütroman ist ein bittersüßes Lesevergnügen: Das Buch erinnert einen mit jeder Zeile daran, wie kurz und unwägbar das Leben ist, wie wichtig die Menschen für unser Glück sind, wie einsam es uns macht, wenn wir uns verschließen. Aber Vorsicht, die Sache mit den Menschen, die sich zu Glas verwandeln, gehört sicherlich ins Märchenhafte, macht “Das Mädchen mit den gläsernen Füßen” aber keineswegs zu einem Fantasyroman. Das Glas ist wohl eher ein Kniff, den sich Shaw bei Kafka abgeschaut hat, nur, dass das Glas etwas poetischer ist als der Käfer, zu dem Gregor Samsa über Nacht wird.

 Ali Shaw, Das Mädchen mit den gläsernen Füßen, script5, Loewe Verlag

P.S. Inzwischen gibt es auch Shaws zweiten Roman “Der Mann, der den Regen träumt” auf Deutsch. Schade nur, dass es sich die Verlage scheinbar so einfach machen und ein fast identisches Cover verwenden.

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