Das Schicksal und der freie Wille

Es ist ein schwierige Entscheidung. Welchem Buch widme ich den ersten Eintrag. Einem gerade erst gelesenen oder lieber einem von der Ewigen-Liste. Ich halte mich dann doch an einen Ewigen, an einen Roman, den ich eigentlich jedem ans Herz lege, ein Roman, von dem ich denke, dass ihn jeder, der über etwas Grips und Humor verfügt, gelesen haben sollte: Harry Mulisch “Die Entdeckung des Himmels”.
Mulischs Roman verdient wahrhaft das Prädikat Meisterwerk. “Die Entdeckung des Himmels” fällt in die Kategorie Bildungsroman. Klingt antiquiert, staubig und nach schwerer Kost. Ist es aber nicht. Es ist eine großartige, ausgefallene Geschichte um zwei Freunde. Max Delius ist Astrophysiker, Onno Quist ein politisierender Linguist. Beide verlieben sich in die gleiche Frau: Ada. Mulisch spinnt seinen Plot aber gar nicht zu einer desaströs endenden Menage a trois weiter. Die Geschichte führt zu Quinten Quist, einem Jungen, der zwar ohne Mutter, aber dafür mit zwei Vätern aufwächst. Und für den das Schicksal eine große Aufgabe vorgesehen hat. Mehr wird hier nicht verraten, ansonsten verderbe ich Mulisch nur seine großartige, geniale Pointe. “Die Entdeckung des Himmels” ist ein wundersames Spiel mit Schicksal, göttlicher Fügung und dem freien Willen. Und vor allem rückt der Roman das Selbstbild der Menschheit als Krone der Schöpfung zurecht.
“Die Entdeckung des Himmels” ist ein atypischer Bildungsroman: Denn Quinten muss sich keinesfalls selbst finden. Onno ist es, der den Weg zu seinem Sohn finden muss. Und zu einer anderen Sicht auf die Welt. Der Leser weiß von Beginn an, dass die Vier – Onno, Max, Ada und Quinten – Spielbälle höherer Mächte sind, zu welcher Großtat Quinten allerdings auserkoren ist, bleibt lange im Ungewissen. Und wie seine Tat die Welt verändert, verrät Mulisch klugerweise nicht. Sie könnte das menschliche Selbstverständnis in seinen Grundfesten erschüttern. Dieses Gedankenspiel überlässt Mulisch ganz dem Leser. Aber ganz abgesehen von dem originellen Plot, den der niederländische Autor ausbreitet, ist er auch ein ganz wunderbarer Erzähler, der verstanden hat, dass man den Leser nicht mit staubigen Abhandlungen über Philosophie oder Naturwissenschaften langweilen muss, um als ernsthafter Schriftsteller zu gelten. Man kann Weltliteratur auch mit einem Schmunzeln lesen. Mulisch schreibt unterhaltsam, kurzweilig und doch anspruchsvoll.

Harry Mulisch, Die Entdeckung des Himmels, rororo

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